20-Jahre-Regel | Globians Doc Fest 2005: Argentina: Hope in Hard Times

20-Jahre-Regel | Globians Doc Fest 2005: Argentina: Hope in Hard Times
Film Still aus Argentina: Hope in Hard Times (USA 2005), Promotionfoto: Moving Images NPO

Argentina: Hope in Hard Times – Argentinien: Hoffnung in schweren Zeiten. Buenos Aires und der Ländliche Raum kurz nach der großen Wirtschaftskrise von 2001. Die Bürger versuchen durch Eigeninitiative neuen Mut für die Zukunft zu gewinnen. Dokumentarfilm aus dem Jahre 2005 von Melissa Young und Mark Dworkin, Produktionsland: USA, 74 Minuten Laufzeit, spanische Originalfassung mit englischen Untertiteln. Diesen Film haben wir beim ersten Festivallauf des Globians Doc Fest – welt + kultur Dokumentarfilm Festival 2005 in Potsdam als europäische Premiere gezeigt.

Der Dokumentarfilm wurde während des größten gesellschaftlichen Krisenmoments in Argentinien im Jahre 2002 gedreht, mit Follow-up-Updates zum Ende des Werks der gezeigten Geschehnisse bis 2005. — 2008 wurde mit Argentina – Turning Around eine Aktualisierung zur weiteren Entwicklung, insbesondere zu den vorgestellten Kooperativen-Projekten, von den beiden Regisseuren herausgebracht. Beide Filme sind als Kauf-DVDs und Kauf-Videostreams nach wie vor erhältlich; es gibt wohl auch kostenfreie Preview-Streams nach Registrierung. Ich bin mir zudem sicher, dass die beiden Filmemacher offen für interessierte Anfragen sein dürften; Kontakt siehe deren Website, Link unten.

Jetzt, nach 20 Jahren, habe ich diesen Dokumentarfilm aus dem Globians-Festival-Filmarchiv sehr gerne wieder und neu gesehen. Der Film hat meiner Ansicht nach nichts von seiner Brisanz verloren, weil er an Argentinien modellhaft auch uns heutzutage zeigen kann, welche Option nach einem Staatsbankrott durch Überschulung mit Fremdfinanzierung vom Kapitalweltmarkt aufgrund nicht mehr leistbarer Zinsforderungen besteht, insbesondere wenn nach dem Konkurs der Staatsfinanzen supranationale Organisationen wie IWF/IMF oder Weltbank involviert sind, die das Land unter dem Banner der "Privatisierung" und "Produktivitätssteigerung" weiter ausplündern, um erst dann unter austerer, monetärer Regelsetzung den Saatsregulierer wieder liquide zu machen. Der Film ist als Anschauungsbeispiel also extrem lehrreich für eine Situation, in der mit stets zusätzlichen, neuen Billionen-Krediten wie mit Trinkgeld-Schulden oder schnell versickernden Geldmitteln umgegangen wird. Die griechische Staatsschuldenkrise von 2010 hatte in Argentinien ihr Modell oder zumindest ihren Vorläufer. Frankreich, England und Deutschland sind inzwischen nicht mehr sehr weit davon entfernt. Inwieweit das derzeitige Milei-Argentinien eine Art Finallösung darstellt, wird die weitere, absehbar krisenhafte Entwicklung der Weltdinge bestimmt bald preisgeben.

Ist in einem Krisenmoment, wie dem hier für das Jahr 2002 in Argentinien dargestellten, die Gesellschaft als Volkskörper gespalten, vielleicht dann auch gleich noch mehrfach gespalten, — gespalten zum Beispiel in Verarmte gegen Reicherwerdende, Junge gegen Alte, Ideologen gegen Realisten, Staatsmacht gegen Bürgerrechte, Städter gegen Landleute, West gegen Ost, Pharma-Mediziner gegen Heilende, Immigranten gegen Autochtone, fremde Religionspraxis gegen traditionelle Religionspraxis oder deren Fehlen, also machtvolle Expansion gegen zunehmendes Vakuum, etzetera, — dann besteht in einer derart komplexen Krisen-Situation grundsätzlich Bürgerkriegsgefahr. Aktuelle Studien und Analysen zur Lage belegen das alarmierend auf's Neue.

Argentinien hat sich mit seinem heterogenen (und dann doch bei den puebla baja homogenen) Volkskörper und mit seiner kulturellen Identität, seiner Geschichtslast – damals rund zwei Jahrzehnte nach der brutalen Militärdiktatur – dagegen, gegen einen Bürgerkrieg, entschieden. Es kam, wie der Film zeigt, in der Dynamik des wirtschaftlichen Zusammenbruchs zu komplexen und wechselseitigen Hilfestellungen der Bürger untereinander mit zuvor völlig ungeahnten, kreativen Improvisationsleistungen in ungewohnten Situationen. Eine Gesellschaft mit sozialer Phantasie, mit dem Versuch, Utopien umzusetzen, Widerstand in widrigen Umständen zu leisten und gemeinsam über die Runden zu kommen, einen Neuanfang zu probieren, sich wechselseitig zu stützen, aus der Not heraus. Es war zur Zeit des Jahrhundert-/Jahrtausend-Wechsels allerdings auch eine sehr feinsinnige Zeitqualität-Note unter uns, die sich inzwischen sehr zurückgezogen hat.

Nun fällt so etwas nicht vom Himmel, wie etwa "die Verschwundenen" Argentiniens in den Südatlantik aus dem Flugzeug während der Militärdiktatur: der Film leistet sich den geschichtlichen Verweis auf die Mütter des Platzes der Mairevolution (Madres de Plaza de Mayo) als Bürgerbewegung. Und die Zeit der Militärdiktatur war als Zeugnis der Überlebenden in der Bevölkerung noch sehr lebendig, auch im Film gezeigt. Das ist ein großer Unterschied zu Deutschland etwa, wenn "die schlimme Zeit" inzwischen über 80 Jahre zurück liegt. Über "die Verschwundenen" Argentiniens und die Bewegung der Mütter des Platzes der Mairevolution gab es bei einem späteren Globians-Festivallauf einen weiteren Filmbeitrag zu Argentinien.

Zu den kreativen Improvisationsleistungen in Argentinien anno 2002 gehörten u.a. die Einrichtung von Kooperativen nach der Besitznahme von Produktionsstätten und auch die Einführung von parallelen Gutschein-Währungen für den Tausch von Dingen und Dienstleistungen: Arbeiterinnen und Arbeiter, die ihre Arbeit nicht aufgeben, von Unternehmensbesitzern aufgegebene Fabriken wieder arbeitend besetzen, die produktiven Dinge nunmehr als Kooperative in der Speiseeis-, Kleidungs-Fabrikation oder Metallschmelze/Metallverarbeitung selbst in die Hand nehmen. Arbeiter lernen als Office-Kräfte dazu, agrikulturelle Mikro-Farmen zur Selbstversorgung statt Export-Soja-Plantagen, Hausbau-Projekte statt Slums, Tauschmärkte für Waren und Dienstleistungen; Dienstleistungen wie Maniküre, Massagen oder medizinische Betreuung. Der Film zeigt kaleidoskopartig, wie damals so etwas im wirklichen Alltagsleben entstand.

Kurzer Ausschnett aus "Argentina: Hope in Hard Times" (USA 2005)

Bei Youtube gibt es von beiden Filmen jeweils einen kurzen Ausschnitt, die hier eingebettet sind. Zum Thema der gesellschaftlichen Sebstorganisation hatten wir beim Globians Doc Fest 2005 noch einen weiteren Filmbeitrag zu Mexiko: Everyone Their Grain of Sand (USA 2004), mit 87 Minuten Laufzeit, von Elizabeth Bird. Darüber ein ander Mal mehr.

Die in der Regel unabhängig von Fernsehmitteln produzierten Dokumentarfilme, die wir beim Globians Doc Fest 2005 zeigten, nutzten die 1995 eingeführte Video-Digitaltechnik von miniDV und DV und zeigen die Sensortechnik in Standard-Definition (SD) dieser Zeit. Das war die Zeit vor dem gewaltigen Sprung der Bildwiedergabe-Qualität durch fortgeschrittene Sensortechnik sowie neue Speicher-/Schnitt-/Kamera-Technik nach 2010 in Richtung High-Definition, 4K- und 8K-Auflösung. (Ja, HDV und Blu-Ray waren ab 2005 verfügbar.) – Dass diese Bilder nunmehr gegen dem heutigen technischen Entwicklungsstand fast impressionistisch wirken, stört mich auch heute, nach 20 Jahren, überhaupt nicht. Gute Filme funktionieren auch als Super8-Film.

Kurzer Ausschnett aus "Argentina: Turning Around" (USA 2008)

Anmerkungen —
Bezugsquellen der beiden Filme als Video-DVDs und Video-Streams:

Argentina: Hope in Hard Times | Bullfrog Films: 1-800-543-3764: Environmental DVDs and Educational DVDs
The Argentine people, in the face of economic collapse, provide a hopeful example for the rest of us. From Bullfrog Films, the leading source of DVDs & videos about the environment, ecology, sustainable development, globalization, indigenous peoples, cultural diversity, and performing arts, music and dance.
Docuseek | Argentina: Hope in Hard Times
Docuseek2 is the source for essential social issue and documentary film for education, with over 2,300 titles in all major disciplines.
Argentina: Turning Around | Bullfrog Films: 1-800-543-3764: Environmental DVDs and Educational DVDs
An intimate view of new models of work, politics and community development in Argentina. From Bullfrog Films, the leading source of DVDs & videos about the environment, ecology, sustainable development, globalization, indigenous peoples, cultural diversity, and performing arts, music and dance.
Docuseek | Argentina: Turning Around
Docuseek2 is the source for essential social issue and documentary film for education, with over 2,300 titles in all major disciplines.


Link zur Poduzenten-Website:

http://movingimages.org/

Kontakt-Email-Adresse: info@movingimages.org

Programmübersicht des 1. Globians Doc Fest
welt + kultur Dokumentarfilm Festivals Potsdam 2005:

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