Der Material-Erhalt der Filmgeschichte
Heute erreichte mich ein Kommentar von Jean Pierre Gutzeit, Vorstand vom Verein Kino Museum Berlin, zur aktuellen Stellungnahme auf der Website der Initiative Filmerbe in Gerfahr vom 20. Februar 2026 im Zuge aktueller Entwicklungen in Deutschland beim Material-Erhalt der Filmgeschichte.
Ich teile diesen Kommentar hier sehr gerne als Debattenbeitrag.
Hier zunächst der Link zur ursprünglichen Stellungnahme von Filmerbe in Gefahr:
Link https://filmerbe.org/page.php?0,300,472,

Jean Pierre Gutzeit schrieb mir:
Bisher fand der Vorgang in der Presse keinen Niederschlag, außer in einer etwas reißerischen Glosse der Bild-Zeitung von vor zwei Jahren (wahrscheinlich traute sich sonst keiner darüber zu berichten – ich ja auch nicht.)
Die oben verlinkte Berichterstattung von "Filmerbe in Gefahr" spricht tatsächlich die meisten Defizite an, aber die Bedrohlichkeit der Lage wurde meines Erachtens nicht erkannt und auch nicht punktgenau getroffen.
Man sieht es möglicherweise aus der Benutzerperspektive: Es scheint zunächst prekär, dass nicht alle verfügbaren Filme mit der versprochenen Quote digitalisiert wurden und deswegen nicht verfügbar sind – weswegen viele alte Filme nicht mehr sichtbar seien. Eine Mangel der Verfügbarkeit des Erbes läge nur an der mangelnden Digitalisierung.
So würde ich die Essenz dieses wichtigen Beitrags in einem ersten Eindruck bewerten wollen. Tatsächlich geht aber niemand in der richtigen Reihenfolge von der Filmrolle aus, scheint mir, von der man selbstverständlich jahrzehntelang und aus einer passiven Perspektive wie selbstverständlich ausging, als lagerten sie auf ewig in Staatsarchiven.
Dem möchte ich widersprechen. Die prekäre Lage resultiert m.E. aus der Abschottung der Archive zur Bevölkerung, die nicht aktiv auf Besucherebene, als Förderer, durch Bürgerbeteiligungsgremien, etc. eingebunden wurde. Abstrakt wurde Vater Staat zum Beschützer des Filmerbes. Filmerbe besteht im ersten Schritt nicht aus Digisaten (diese sind keine Originale, sondern temporäre Distributionsmuster), sondern aus vorhandenen Filmrollen. Hilfreich ist daher nicht, wenn der Artikel sogar der YouTube-Gesellschaft die Tore weit öffnen möchte, weil gerade dieses Portal zum Schein suggeriert, Filme sein verfügbar (zumeist leider als schlechtestmögliches Digisat).
PWC wird in diesem Artikel (15 Jahre nach einem damals zurecht verworfenen Gutachten) erneut zitiert, nur: warum? PWC errechnete damals, dass die Einsparungen des Staates erheblich seien, wenn auch Negative auf vorhandenem Digitalisierungsstandard umgehend gesichert würden, wodurch die teure Lagerung von Negativen entfallen könnte.
Hat diese Strategie mit Archiv und Filmerbe maßgeblich etwas zu tun oder doch lediglich mit effizienter Verwertung und Anforderungen des Tagesgeschäfts?
In den letzten 20 Jahren, in dem grundlegende Wertmasstäbe neu bewertet oder umgedeutet worden sind (entweder wurde das Pferd von hinten aufgezäumt oder eine genereller Nichtverfügbarkeit beschworen), wurde die real selbstverständlich noch existierende Verfügbarkeit einfach ausgeblendet: Sie besteht in den Jahrzehnte lang durch Staatsarchive gelagerten Originalmaterialien wie auch in den vorhandenen Theaterkopien, welche immer wieder umkopiert und erneuert wurden, die auch jederzeit abspielbar waren und es noch sind. Wenn von der Ausleihe häufiger Gebrauch gemacht werden würde und auch die Ausleihe-Bedingungen moderater wären, wie Filmerbe in Gefahr berechtigt anmahnt.
Deutlicher formuliert: Es wäre paradox, eine Zahl oder Liste angeblich nicht verfügbarer Filme zu propagieren, wie dies nunmehr seit Jahren propagandistisch geschieht. Und damit schlichtweg zu ignorieren, dass im dringenden Bedarfsfall die meisten Titel als spielbare Theaterkopien in den Staatsarchiven, in kommunalen Archiven und auch in privaten Archiven im Moment noch vorrätig sind (aber in Kürze ausrangiert werden sollen, weshalb sie bereits jetzt schon in einem Verfallsprozess sich befinden nach ausgeschalteter Klimatisierung).
Wer von genereller Nichtverfügbarkeit spricht, hatte mit Filmmaterial meiner Wahrnehmung nach in seinem Werdegang zu wenig zu tun (fehlende Praxis und Qualifikation in einem Filmkopierwerk, fehlende Praxis und eigene Investition in selber gedrehte Filme, fehlende Erfahrung und Praxis durch die Leitung von Filmtheatern und Programmkinos, fehlende Erfahrung als Mitarbeiter in den Archiven.)
Diese Community, die bisher konservatorisch das Filmerbe erhalten hatte, verfügt bereits seit Jahren oder Jahrzehnten über kein Sprachrohr mehr, wird nicht aktiv eingeladen und ist auch nicht mehr selber aus sich heraus im Stande, sich zu organisieren. Aktuelle Stellenausschreibungen in den Institutionen und Archiven umfassen diese Aufgabenbereiche kaum mehr.
Anstatt wenigstens für den längeren Zeitraum der Digitalisierungen die vorhandenen analogen Theaterkopien weiterhin noch zu nutzen, wurde schon vor 20 Jahren seitens der höchsten Repräsentanten einiger Institutionen lautstark vorgetragen, "es wurden ja alle Filmprojektoren ausgebaut", "Kodak stellt ja schon fast keine Materialien mehr her", "wenn nicht sofort digitalisiert wird, gibt es bald gar keine Filme mehr".
(Die Aussagen sind namentlich belegt. Sie treffen nicht einmal 2026 zu.)
Wie selbstverständlich werden durch staatliche Förderprogramme nicht nur bei Programm-Kinos, sondern auch für Spielstätten in Multiplexen üppige Kredite oder Zuschüsse gewährt für regelmäßige Wechsel bei DCI-Systemen – bei immer weniger Besuchern und trotz noch wartbarer Bestandsanlagen. Man muss darauf beharren: Oftmals lassen sich für eine Fünfzugstel diese Investitionen überall in der Kino- oder Sammlerlandschaft noch vorhandene 35 mm-Bildwerfer über Nacht wieder aufbauen. Denn wenn von kuratorischer Arbeit oder Verfügbarkeit des Film-Erbes gesprochen wird, man ernsthaft eine Filmreihe zusammenstellt, dann wäre es Pflicht, auf die vorhandenen Theaterkopien zurückzugreifen, anstatt sie jetzt der Kassation zu überlassen.
Im Klartext: Selbst engagierte Leiter der Filmarchive können nur im Einzelfall Lösungen anbieten, aber das Gesamtproblem nicht lösen, solange Vorgesetzte ihrer Häuser Gelder lieber für andere Projekte und für Marketingprojekte freimachen, zumeist für event-ähnliche Veranstaltungen, zumeist ohne Film (mit nicht dem geringsten Bezug zur Sicherung des Film-Erbes).
Man steht hier dicht vor Entscheidungen, in Kürze große Bestände vorhandener Theaterkopien oder Negative auflösen zu müssen, weil die Filmrollen-Artefakte sich infolge der kürzlich abgestellten Klimatisierung im Essig-Essenzen zersetzt haben oder sich die Rollwickel verkleben.
Denn bei der Mehrheit der Film-Archive in Deutschland wurden die Klimatisierungen abgeschaltet und abgebaut. Man hatte es zuletzt sogar positiv begründet als eine die Umwelt schützende Maßnahme. (Der Schutz von Umwelt und Natur wird natürlich gerne ausgeblendet, wenn man Ressourcen verschwendende Rüstungsbetriebe ankurbelt, die weder Filmerbe noch Frieden erhalten).
Wenn also aktuelle Digitalisierungs-Befürworter sich mittlerweile auf YouTube einfinden, hat man sich noch nie so weit vom Filmerbe entfernt wie heute.
Danke an Jean Pierre Gutzeit für diesen kommentierenden Beitrag, dem ich mich inhaltlich anschließe.
Auf Twitter-X sehe ich in Beiträgen dort eine vor allem in den Großstädten der USA lebendige Kinoszene, die den Einsatz von Filmkopien und den Erhalt der klassischen, authentischen Kino-Erfahrung mit der Projektion von Filmkopien (in den Formaten 16mm, 35 mm, 70 mm) als Marketing-Kern ihrer unternehmerischen Praxis einsetzt, auch dann, wenn Digitaltechnik zusätzlich angewandt wird, sofern nichts analoges verfügbar ist, gerade bei Neuproduktionen.
Damit meine ich beispielsweise das "New Baverly Cinema" und das "Vista Theater Hollywood" in Los Angeles oder das Roxy Cinema und das Metrograph in New York City. Für NYC gib es zudem gleich zwei Websites, die über die kommenden celluloid film screenings in New York City informieren: Film Revival NYC und Analog Film NYC; für den Raum Los Angeles empfiehlt sich ClassicFilmLA, für Chicago das Celluloid Chicago. – Die American Cinemateque ist in LA mit dem AERO und dem Egyptian Theater am Start; deren Programm-Website lässt sich auf Vorstellungen mit Filmkopien-Projektion selektieren. Selbst das Netflix eigene Paris Theater in New York City zeigt mit credit bei Prestigeprojekten Filmkopien und pflegt das Repertoirekino. Wie weit Kinoleidenschaft gehen kann, bewies die Schauspielerin Kristen Stewart gerade jüngst mit dem Erwerb des Highland Theater in Los Angeles.
Die genannten Kino-Beispiele sind gewerblich aktiv und besitzen zumeist einen Sponsor für den wirtschaftlichen Betrieb des jeweiligen Kinos, oft mit Sammler-, Produzenten- oder Archivquelle im Hintergrund für die gezeigten Filmrollen, wie Tarantino etwa beim New Baverly.
Es sind zugegeben Randerscheinungen der kommerziellen Kinobranche, aber sie zeigen, was in Deutschland fehlt. Ein Kinobetrieb kann nur so gut sein wie sein direktes und potentielles Publikum eben ist. Paul Schrader verwies vor kurzem auf Facebook, dass das Kino der 1970er-Jahre deshalb so exorbitant herausragt, weil die Zuschauer eben auch so gut und begierig waren und nicht nur die Filmautoren. Spezielle und temporäre Filmfestival-Events sind für die Hintergrund-Erzeugung eines Regelbetriebs klassischer Kinopraxis kein Ersatz und m.E.n. nur ein Notnagel, verdienstvoll freilich, aber damit auch zu geringfügig, um eine Wende in der von "Filmerbe in Gefahr" oder von Jean Pierre Gutzeit geforderten Richtung einzuleiten. Mit Podcast-Marketing allein wird ein "Archiv-Kino" nicht zu stemmen sein, weil eben das entsprechend gebriefte, erwatungsfrohe und aus Seherfahrung gebildete Publikum auf breiter Basis dafür fehlt. Und das kann auch nicht über Nacht neu aus der Taufe gehoben werden. Was soll man aber auch von der Kultur eines Landes halten, die kein TCM oder ein entsprechend lokalisiertes Äquivalent seit Jahrzehnten im einstigen Primärmedium am Laufen hatte bzw. hat? Und wer trotzdem Vergnügen an alten Filmwerken aus Filmarchiven im Online-Bereich finden will, landet vielleicht statt bei YouTube etwa beim niederländischen EYE PLAYER.
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