Mein Vater: 100 Jahre Erhard Polzer

Mein Vater: 100 Jahre Erhard Polzer

Heute, am 17. Februar 2026, wäre mein Vater, Erhard Polzer, Sohn des Fotografenmeisters Karl Polzer und von Anna Polzer, geb. Karger, aus Olmütz (aka Olomuc), 100 Jahre alt geworden; er starb am 02. Juli 1999 in Stuttgart im Alter von 73 Jahren. Ich möchte sein heutiges Centennial als Anlass dafür nehmen, um an ihn in diesem Jahr zu erinnern, mit diesem und weiteren Blogartikeln zu verschiedenen seiner biographischen Lebensaspekte, letztlich auch in seiner Bedeutung für mich.

Als 1926 Zweitgeborener im Olmützer Fotografenatelier-Geschäftshaushalt von Karl und Anna Polzer verbrachte Erhard seine Kindheit und Jugend in der mährischen Stadt Olmütz, aka Olomuc, seit Ende des Ersten Weltkriegs Stadt in der Tschechischen Republik. Bis zur Republikgründung Tschechiens war Olmütz (Olomuc), traditionell durch die k & k Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und dem Vielvölkerstaat her bedingt, von einer deutschsprachigen Bevölkerungsmehrheit geprägt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde diese deutschsprachige Mehrheit zu einer städtischen Bevölkerungsminderheit. Die deutschsprachige Bevölkerung in Mähren wurde später, als Folge von Vertreibung und Flucht der deutschsprachigen Bevölkerung aus Tschechien, nach 1945 den Sudetendeutschen als Sammelbegriff auslandsdeutscher Flüchlingsgruppen aus Böhmen, Mähren, dem Sudetenland und Teilen von Schlesien (Ostschlesien bzw. Österreich-Schlesien) zugerechnet.

Erhards Schulzeit begann 1932 mit dem Besuch der Volksschule, wir sagen heute Grundschule, zu einer Zeit, als der Tonfilm sich im Kino gerade durchgesetzt hatte. Er wuchs auf in einem Haushalt, bei der die Medientechnik der Fotografie im Mittelpunkt stand, damals eine avangardistische und hochmoderne Technologie für Spezialisten, Experten und Könner. Die Begeisterung für Fotografie und dann später für die audiovisuelle Techniken wie Bewegtbild des Kinefilms — oder noch später, dann ab Ende der 1950er-Jahre, elektronische Fernseh- und Videotechnik, überhaupt Begeisterung für Medientechnik, war ihm zentraler und lebenslanger Interessen-Fokus. Frühe Kinobesuche in den 1930er-Jahren von damals – vor einem Verbot durch das NS-Regime – noch im Kino aufgeführten Laurel & Hardy-Filmen aus den USA prägten seinen Humor, den er in den 1960er-Jahren an mich weitergab, als wir beiden zusammen unseren ersten Laurel & Hardy-Film im Delphi-Kino in Stuttgart zusammen anschauten, mein erster Kinobesuch überhaupt, der mich damals als überaus sensitives Kind überwältigte. Ich lief während der Vorstellung im Kino aufgeregt hin und her, um meine Spannung abzubauen, als Laurel & Hardy, auf Deutsch Dick und Doof, im Labyrinth von Oxford umherirrten und sich dabei erheblichen, gespenstischen Gefahren aussetzten. Die Macht der Medien.

1937 dann der Wechsel in die Bürgerschule; wir würden heute Realschule oder Mittelschule sagen. Von ihm sind Erinnerungen überliefert, dass er sich damals mit seinen deutschsprachigen Mitschülern öfters vor den tschechischen Mitschüler-Gangs verstecken musste, die auf den Wegen zur oder von der Schule deutschsprachigen Mitschülern auflauterten und gerne auch mal zuschlugen. Die Schule als Brennglas allgemeiner, gesellschaftlicher Verhältnisse.

Die Bürgerschule hatte Erhard 1940 abgeschlossen mit der Mittleren Reife. 1940 dann der Wechsel auf die Wirtschafts-Oberschule, die er bis Mitte 1943 besuchte. Eigentlich war der Schulbesuch auf der "Deutschen Wirtschaftsoberschule in Olmütz" bis Mitte 1944 vorgsehen mit den geplanten Abiturprüfungen für das Frühjahr 1944.

Mit dem Münchener Abkommen vom 30. September 1938 erhielten die Sudetendeutschen zunächst Autonomie, indem das Münchener Abkommen bestimmte, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an Deutschland abzutreten hatte und binnen zehn Tagen politisch-militärisch räumen musste. Die Landnahme durch den Einmarsch der Wehrmacht begann dort am 01. Oktober 1938. Ich stelle mir vor, dass diese "Lösung der Sudetenkrise" damals von der überwiegenden Mehrheit der deutschsprachigen Bevölkerung in Böhmen und Mähren grundsätzlich begrüßt wurde. Der NS-Slogan dafür lautete "Heim ins Reich". Obwohl das Münchner Abkommen für den NS-Staat auf internationaler Bühne als ein großer außenpolitischer Erfolg erschien, war Hitler extrem unzufrieden, weil er eigentlich die ganze "Rest-Tschechei" hatte miterobern wollen. Die kommende, vollständige Zerschlagung der Tschechoslowakei durch das Deutsche Reich war daher ein weiterlaufender, komplexer Prozess, mit dem das nationalsozialistische Deutschland die Tschechoslowakei seit 1938 destabilisierte und bewirkte, dass sie zunächst verkleinert, dann geteilt und schließlich dem deutschen Machtbereich einverleibt wurde. Im März 1939 wird die „Rest-Tschechei“ von Deutschland als Bruch des Münchener Abkommens faktisch annektiert und zum Protektorat Böhmen und Mähren erklärt. Prag wurde am 15. März 1939 von deutschen Panzern besetzt. Schließlich kommt es am 23. März 1939 zum deutsch-slowakischen Schutzvertrag, nach dem die kurz zuvor sich unabhängig erklärte Slowakei auf die selbständige Ausübung von Souveränitätsrechten zugunsten des Deutschen Reiches verzichtete. Damit wurde die Slowakei zum deutschen Satellitenstaat.

Im Stand von heute bin ich persönlich der Meinung, dass diese Kollektiv-Trauma aufbauende Schuld über Generationen hinweg auf deutscher Seite im Zuge von kriegerischen Gebietsannektionen bei Bevölkerungs-Konflikten im benachbarten Ausland einen wesentlicher Faktor für die aktuellen Spiegelungen der historischen Sudetenkrise im derzeitigen ukrainischen Stellvertreterkrieg darstellt — und der damit einher gehenden Fokusierung einer exklusiven Schuldzuweisung auf Russland. Die Vermeidung eines heilenden Trauma-Abbaus auf eigener, deutscher Seite wird gegenwärtig als versetzte, triebgesteuerte Schuld-Projektion auf Russland betrieben, zusammen mit eilig hochskalierter Hochrüstungspolitik im wirtschaftlichen Endspiel, bei gleichzeitig transatlantischer Entkoppelung. Das ist das Gegenteil von Heilen und lichthaftem Verstehen. Das bedeutet, dass die eigene akute Aggressionsdynamik, der eigene dunkle Schatten, nicht wahrgenommen werden kann. Und es ist scheinbar nicht nur dort der Regressions-Fall. Ich kann nachvollziehen, dass dies von Außen betrachtet auch als Revanchismus aufgefasst werden kann, zumal seit meiner Schulzeit Historiker stets klar machten, dass dieser "Klotz in der Mitte Europas" ohne starke Außenanbindung bzw. Außenzähmung stets die Gefahr einer "Loose Canon" birgt. Die historische Sudetenkrise scheint mir damit alles andere als aufgearbeitet zu sein; sie schwelt in mehrfacher Spiegelung weiter. Daran erinnert mich meine väterliche Abstammungslinie stets auf's Neue.

Für Erhards Familie in Olmütz bedeutete die Sudetenkrise, dass sie ab Oktober 1938 zum Deutschen Reich staatlich zugehörig war. Erhard war damals 12 Jahre alt. Es blieb nur ein knappes Jahr bis zum Ausbruch der Großkatastrophe des Zweiten Weltkriegs im September 1939 und die Krisenzeichen waren bis Frühjahr 1939 weiterhin im eigenen Landstrich deutlich wahrnehmbar. Am 11. Mai 1940 erhielten sowohl seine Eltern wie auch er und sein Bruder jeweils einen Staatsangehörigkeits-Ausweis des Deutschen Reiches zum Nachweis der deutschen Staatsangehörigkeit, ausgestellt vom Oberlandrat in Olmütz (Olomuc). Damit wurden die beiden Söhne Kurt, geboren am 10. Februar 1923, und Erhard wehrpflichtig für die Deutsche Wehrmacht. Erhard wurde am 01. September 1943 im Alter von 17 Jahren in die Wehrmacht als Soldat eingezogen; die Wirtschaftsoberschule testierte durch ein Kriegs-Abitur Anfang 1944 mit einem Abgangszeugnis seine Hochschulreife ohne Abiturprüfung aufgrund neuer Gesetzgebung. Teil des Zeugnisses war damals eine "Allgemeine Beurteilung" der Schülerperson: "Ruhiger Charakter, kameradschaftlich".

Seinen ersten Einsatz als Soldat der Wehrmacht dürfte er in Frankreich gehabt haben. Im seinem Fotonachlass fand sich im Familienarchiv ein Fotonegativ-Rollfilm (Format 120, 12 Aufnahmen, 6 x 6 cm, sw), der Aufnahmen eines Patroulliengangs von Sodaten der deutschen Wehrmacht durch das besetzte Bordeaux, vermutlich aus dem Herbst 1943, zeigt. Während sein drei Jahre älterer Bruder Kurt nach dem Schulbesuch eine Banklehre antrat und diese vor der Einberufung in die Wehrmacht auch abschließen konnte, trat Erhard früh in die Fußstapfen seines Vaters: Er wurde in den Geschäftsbetrieb des Fotoateliers und in die Technik des Fotografie vor seiner Einberufung als Oberschüler des Wirtschaftsgymnasiums mit seiner Arbeitskraft einbezogen. Allerdings eben als familiäre Schüler-Hilfskraft und nicht als Teil einer offiziellen Gesellenausbildung, die man später auch hätte belegen können. Er wußte daher praktisch viel über Fotografie und den Foto-Geschäftsbetrieb, war durch das Wirtschaftsgymnasium auch an betriebswirtschaftliche und juristische Themen herangeführt worden, konnte dies später jedoch nicht durch einen offiziellen beruflichen Ausbildungs-Abschluss als Fotografengeselle vor der Handwerkskammer nachweisen. Dies wäre die Vorstufe und Voraussetzung dafür gewesen, zu einem späteren Zeitpunkt in absehbarer Zeit selbst einen Meistergrad erwerben zu können.

Ich vermute stark, dass Erhard eine kompakte Rollfilmkamera mit etwas Filmmaterial von zu Hause mitbekam und dass diese 12 Aufnahmen aus Bordeaux von ihm selbst stammen. Die Straßenszenen dieses Patroulliengangs durch Bordeaux auf den Bildern wirken sehr entspannt. Das besetzte Bordeaux wurde vom Deutschen Reich am 20. Juni 1940 zur "Offenen Stadt" deklariert. Bordeaux galt in der Frühphase der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht für die Deutschen zudem als "Weinkeller des Reiches". Auf diese Fotografien aus Bordeaux werde ich zu einem späteren Zeitpunkt mit einem weiteren Posting nochmals eingehen.

Im Gegensatz zu seinem Bruder Kurt ist Erhard ein Einsatz an der Ostfront, in Russland, Stalingrad oder auf der Krim erspart geblieben. Die Erzählungen von Erhards Soldatenerlebnissen im Krieg waren in der Familie später eher spärlich. Es gab wohl zwei lebensgefährliche Erfahrungen, die er erleben musste: Die eine war auf dem Weg aus Frankreich nach Norden das vollständige Verschüttetwerden mit einer soldatischen Kleingruppe in einem zusammenstürzenden Haus nach einem Bombentreffer im Raum Belgien oder Saarland. Es gab zunächst keinen Weg mehr hinaus ins Freie. Die zweite lebensbedrohliche Erfahrung kam im Anschluss an seine Verlegung nach Norddeutschland 1944. Irgendwann wollten er und zwei seiner Kameraden gerne genaue und wahrheitsgetreue Nachrichten darüber erfahren, wie die ganze Sache derzeit steht und wann es möglicherweise endlich zu Ende sei. Dazu wurde in der soldatischen Unterkunft ein Radio betrieben, das Radio London mit dem BBC German Service über Lautsprecher spielte.

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BBC Station-ID im 2. Weltkrieg: Morse Code "V for Victory"
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Auf das Hören des Londoner Rundfunks stand in der Wehrmacht die Todesstrafe und prompt wurden Erhard mit seinen Kameraden beim Hören von "Feindpropaganda" erwischt und verhaftet. Erhard meinte später, dass wohl höhere Mächte eingegriffen haben müssen, dass schließlich niemand nach der Kriegsgerichtsverhandlung aus dieser Gruppe exekutiert wurde. Wir werden sehen, wie es mit der freien Mediennutzung hierzulande demnächst weitergeht.

Erhard hat den Kriegseinsatz als Soldat in Norddeutschland überlebt. Die Entwaffnung und Gefangenennahme in Schleswig-Holstein bei Plön am Plöner See dürfte sich als britische Kriegsgefangenschaft von Mai 1945 bis Ende 1945 hingezogen haben. Noch Mitte April 1945 hielten sich bis zum 02. Mai 1945 kurzzeitig Teile der letzten Reichsregierung sowie der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Karl Dönitz im Plöner Stadtgebiet auf, bevor dann britische Truppen Plön und Umgebung besetzten und die erste der beiden deutschen Kapitulationserklärungen am 04. Mai 1945 zunächst von Flensburg aus erfolgte. Wie, wann und unter welchen Umständen es zu seiner Überstellung als deutscher Kriegsgefangener aus diesen britisch besetzten Gebieten dann an die U.S. amerikanische Besatzungsarmee genau kam, ist mir bis heute noch nicht bekannt. Militärgeschichte im Detail ist allerdings auch nicht eine meiner Wissensstärken.

Testiert ist jedenfalls: Ab 01. Januar 1946 stand er als "General Duty Man", als "Arbeitsmann" also, im Dienst der "503 D.R. Serv. Group (DG)" als Teil des "30 Corps District BAOR" der United States Army. Den Aufstieg vom Kriegsgefangenen ohne Aufgaben zum "General Duty Man" als Prisoner of War dürfte er, seinen Erzählungen nach, dadurch geschafft haben, dass er seinen Lebenslauf auswendig und flüssig auf Englisch aufsagen konnte, was fundierte englische Sprachkenntnisse suggerierte. Daraufhin wurde er für Dolmetschertätigkeiten in der U.S. Army im Umgang mit der deutschen Zivilbevölkerung eingesetzt.

Seinen Kriegsgefangenen-Entlassungsschein 463049 aus dem Jahr 1947 des "Discharge Center" der U.S. Army im PW (= Prisoner of War) "Reception and Discharge Center" in "Headquarters Dachau" tragen Stempel: Lebensmittel für 1 Tag, 40 RM Entlassungsgeld, Stempel vom Bahnhof Dachau. Entlassungsdatum: 20. Juni 1947. Notierte Heimatanschrift: Zieglerstr. 312, Geisenfeld, Pfaffenhofen, Ober-Bayern. Diese Anschrift existiert als Zieglergasse 312 in Geisenfeld noch heute.

Möglicherweise war der Grund für den Entlassungsort Dachau, dass er von Bayern nach Bayern entlassen wurde. In Geisenfeld fanden seine Eltern inzwischen ihre Unterkunft. Vom Sommer 1947 bis Ende März 1951 hat er es dort, in Geisenfeld, ausgehalten. Die wirtschaftlichen Verhältnisse und die allgemeinen Lebensverhältnisse vor Ort waren damals karg. Die Hopfenernte in der Holledau war als Erntehelfer ein wichtiges, saisonales Zubrot für die ganze Familie. Die Freundschaft und der Kontakt zu seiner ersten großen Liebe, Friseurstochter Paula aus Plön, ist bis nach Geisenfeld geblieben. Allerdings war seine Mutter dagegen, die Freundin Paula in Geisenfeld als Gast der Familie zu empfangen; zu groß war ihr offensichtlich die empfundene Scham und Schande der dortigen Lebensverhältnisse im Gegensatz zu ihrer Erinnerung an den bürgerlichen Haushalt in der Heimatstadt Olmütz, aka Olomuc. Wenn scheinbar die ganze Welt gegen einen ist, tut man gut daran, irgendwann die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Vom Unternehmer Mathias Steigenberger in München 15, Kabellstraße 11, gibt es ein schriftliche Arbeits-Bestätigung, datiert vom 04.10.1954, dass Erhard vom 01. Juli 1948 bis Ende Februar 1951 als "Photo-Positiv-Retoucher und Colorist" für das Unternehmen tätig war, das sich mit "Semi-Emaille-Fabrikation", "Herstellung von Vergrößerungen" und "Vertrieb von Bijouteriewaren" beschäftigte. Durch diese Tätigkeiten in Heimarbeit von Geisenfeld aus und durch das Pendeln zusammen mit seiner Mutter konnte er München und die dortigen städtischen Verhältnisse, die aktuellen Möglichkeiten und absehbaren Unmöglichkeiten, zu Beginn der 1950er-Jahre, einermaßen realistisch einschätzen.

Im Frühling 1951 kauft sich Erhard ein gebrauchtes Motorrad und macht sich alleine, jetzt 25 Jahre alt, auf den Weg nach Stuttgart. Dort findet er vom 06. August bis 30. November 1951 zunächst Beschäftigung als Lagerist bei dem Fotoartikel-Großhändler Wilhelm Birkhold in Korntal. Von Paul, Julius und Werner Birkhold gibt es heute noch unternehmerische Spuren in Korntal. Erhard wußte von Steigenberger in München, welche Lieferanten im Fotobereich in Westdeutschland nach der Währungsreform aktiv geworden waren. Stuttgart war nicht nur "traditionell" die Stadt der Auslandsdeutschen, wo sich so manche der rund 3 Millionen Sudetendeutschen nach der Flucht sammelten, — sondern war neben dem Rhein-Main-Gebiet auch eins der Zentren der Amerikanischen Garnisionsmächte in Westdeutschland (und ist es bis heute geblieben). Die Amerikaner beschäftigten über die Zeiten auch viele deutschssprachige Zivilangestellte. Mein erster Foto-Mentor, der Österreicher Alfred Niederegger, war in den 1970er-Jahren einer davon, als Leiter des Photo-Lab, als Instructor des Photo-Studio im Recreation Center von Kelley Barracks, wo ich über den deutsch-amerikansichen "Kontakt-Club" damals Zugang zu ihm bekam.

Ab 15. Dezember 1951 arbeitete Erhard als Verkäufer im Commissary des Shopping Center auf dem Burgholzhof in Stuttgart als Teil des PX der Robinson Barracks. — PX steht für Post Exchange des U.S. Army & Air Force Exchange Service, als eine Konsumgüterversorgungskette mit eigenen Ladengeschäften des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums für die Versorgung der Soldatenfamilien in der US Army und der US Air Force. Hier verwurzelte sich Erhard in Stuttgart durch dieses dauerhafte Arbeitsverhältnis mit bescheidenen aber regelmäßigen Einkünfte und durch das Renommee des Arbeitgebers. Er konnte aus der mehr als provisorischen Unterkunft eines Männerwohnheims in eine erste eigene, möblierte Mansarden-Mietwohnung in der Weberstraße 55 in Stuttgart-Süd umziehen. Die Verwurzelung in Stuttgart geschah allerdings überwiegend durch die amerikanische Umgänglichkeit seines sozialen Umgangs an seiner Arbeitsstätte, denn die schwäbische Mentalität blieb ihm Zeit seines Lebens doch eher fremd. Durch seine Tätigkeit auf dem Burgholzhof hat er zum Beispiel Bekanntschaft mit dem kulturellen Re-Import der aus Europa in die USA exportierten Santa Claus Tradition zur Adventszeit gemacht. Santa Claus auf amerikanisch zu feiern ist sehr bunt, fröhlich, gesellig, musikalisch, laut und lichtervoll. Diese frühen Stuttgarter Santa Claus Erfahrungen wurden später Teil seines saisonalen Jahres-Kalenders als Reisefotograf.

Das Jahr 1952 stand für Erhard, neben seiner Tätigkeit im Stuttgarter PX Commissary, im Zeichen von Erfahrungen bei der Stadt- und Umgebungs-Erkundung, dem Vertrautwerden mit der neuen Umgebung. Man benötigt ein ganzes Jahr, um das "Funktionieren" einer Großstadt im Detail zu verstehen, um so mit der für einen neuen urbanen Umgebung vertraut zu werden. Anlässlich der Besuche bei seinen Eltern in Geisenfeld wird er ihnen vermittelt haben, dass Stuttgart die besseren Zukunfts-Chancen für ein gemeinsames Zusammenleben und für einen beruflichen Neustart des Vaters mit einem Fotoatelier-Geschäft böte, als in Geisenfeld zu verbleiben. 1952 kehrte sein Bruder Kurt aus der russischen Kriegsgefangenschaft, von der Krim, zurück und nimmt Quartier bei den Eltern in Geisenfeld.

Anlässlich mindestens eines Besuchs der Eltern zusammen mit seinem kürzlich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Bruder Kurt in Stuttgart im Jahr 1952, während des Besuchs des 3. Sudetendeutschen Tags der Sudetendeutschen Landsmannschaft zu Pfingsten – werden sich Überlegungen für einen Umzug von Geisenfeld nach Stuttgart mit Ladenlokal-Suche in Stuttgart zwecks Neustart des "Fotoatelier Rafael" unter der Leitung des Fotografenmeisters Karl Polzer konkretisiert haben. Diese Überlegungen und Planungen dauerten im nächsten Jahr, 1953, zunächst noch ohne konkretes Ergebnis weiter an. Nach allem und nach fast zehn Jahren Unterbrechung sollte es hier einen Neustart geben. Erhard war die treibende Kraft, seine Familie nach Stuttgart zu bringen.

Familientreffen in Stuttgart, Schloßplatz, Pfingsten 1952, Besuch beim 3. Sudetendeutschen Tag der Sudetendeutschen Landsmannschaft: Eltern Karl und Anna Polzer, Bruder Kurt (links) und Erhard (rechts). Handkolorierter s/w-Abzug, Scan, Quelle: Familienarchiv Joachim Polzer

Eine geografisch zersplittert in Westdeutschland lebende Familie war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs keine Seltenheit, insbesondere unter Flüchtlingen. Obwohl in den Jahren 1952 bis 1955 zahlreiche moderne Neubauten in Stuttgart die Kriegsruinen nach und nach ersetzten, war die Wohnraumbewirtschaftung noch unter kommunaler Zuteilungs- und Genehmigungsverwaltung. Um an eine größere Mietwohnung für alle Familienangehörigen heranzukommen, wurden die politischen Maßnahmen der damals so genannten "Familienzusammenführung" angewandt. Familienvorstand Karl Polzer beantragte für seine neue Selbständigkeit beim Wohnungsamt in Stuttgart als Familienzusammenführung eine Mietwohnung für sich, für seine Frau und seine zwei Söhne. Das erschien der Familie 1954 als beste Lösung.

Im Herbst 1954 war es dann soweit. Am 27. Oktober 1954 erteilt das Wohnungsamt der Stadt Stuttgart Karl Polzer die Benutzungsgenehmigung für eine Drei-Zimmer-Wohnung in Hauptmiete für Stuttgart-West. Der Mietvertrag trat zum 15. Dezember 1954 in Kraft. Weihnachten 1954 konnte dann bereits mit der Familie in der Stuttgarter Mietwohnung gefeiert werden. Zuvor wurden gewerblich zu nutzende Geschäftsräume in der Reinsburgstraße 110 in Stuttgart-West im November 1954 angemietet, schräg gegenüber der früheren Buchdruckerei. Dort sollte das neue Fotoatelier entstehen. Die Gewerbeanmeldung auf Vater Karl Polzer datierte auf den 16. November 1954.

Vor Klärung der neuen Räumlichkeiten und dem Umzug der Eltern hatte Erhard bereits die Absicht, selbst professioneller Fotograf zu werden, darin bekräftigt, dass er sich einen Wandergewerbeschein zum 20. September 1954 von der Stadt Stuttgart auf sich selbst hat ausstellen lassen: "für das Anbieten gewerblicher Leistungen als Fotograf". Seine Tätigkeit als angestellter Verkäufer im PX der Amerikaner hatte er zuvor zum 31. März 1954 beendet. Es ist gut möglich, dass er das nachträgliche Arbeits-Testat aus München von Steigenberger vom Oktober 1954 als fachlichen Qualifikations-Beleg für seine Job-Akquise benutzte. Seit Mitte 1954 arbeitete Erhard selbständig. Als Reisefotograf mobil bzw. ambulant zu arbeiten, war das gegenteilige Modell zu einem Ladenlokal für private Laufkundschaft unter der notwendigen Leitung eines Fotografenmeisters, aber eine eigene legale Möglichkeit, sein Wissen und seine bisherigen Erfahrung im Fotografen-Beruf auf die Schnelle für sich nutzbar machen zu können, auch um Einkommen zu generieren.

In den Jahrzehnten danach hatte sich als Gegenmodell zum Ladenlokal-Fotografenmeister dann die gewerbliche Berufsbezeichnung "Foto-Designer" mit "Fotostudio", ohne Meistertitel, ohne Laufkundschaft, sozusagen B2B, durchgesetzt, auch Folge des Beginns von fotografischer Ausbildung durch Hochschulen und Kunstakademien, die später plötzlich anfingen, Fotografie als Kunst, als Fach und als "Ausbildungsmarkt" ernst zu nehmen. Dies wiederholte sich seit Ende der 1960er-Jahre auch im Kino-Film-Bereich bei der Filmproduktion und den dortigen Einzel-Gewerken einschließlich Filmregie zunehmend, wo die Akademisierung das traditionelle Hospitanz-Modell der Berufspraxis schließlich immer mehr ersetzte.

Allerdings blieb im lokalen Fotogeschäft-Business mit Laufkundschaft die Ausweisbild-Porträt-Anfertigung bis vor ein paar Jahren ein letzter Umsatzgarant, nachdem zuvor das Fotolabor-Geschäft sowohl durch die Abgabestellen in Drogerieketten-Filialen wie auch durch Digitalisierung als Technik abebbte und sich Kamera-Hardwarekäufe immer mehr in den Onlinebereich verlagerten. Die Kunden beraten sich inzwischen selbst. Es sind nur noch ganz wenige Fotogeschäfte in den Städten übrig geblieben und wer klug ist, bleibt der Retro-Nische des analogen Filmmaterials treu oder entdeckt sie wieder, manchmal auch mit Praxis-Workshops. Die notwendig biometrischen Ausweisbilder von heute kann man inzwischen immer öfter direkt bei der Ausweisstelle durch die dortige "Foto-Box" erzeugen lassen. Ob den professionellen Foto-Designern im B2B-Bereich nach dem Übergang zur synthetischen Bilderzeugung mittels KI/AI-Software noch ein vertitables Geschäftsmodell verbleiben wird, darf man aktuell abwarten. Ergo: Nichts ist sicher vor der Zukunft. Aber über 70 Jahre waren auch ein langer Zeitraum.

Sohn Erhard wollte mit dem Vater Karl ab Anfang 1955 jedenfalls im Tandem arbeiten. Möglich, dass es weitere Planungen gab: rascher offizieller Abschluss als Fotografengeselle und dann irgendwann selbst Meister zu werden. Spätestens ab Sommer 1954 hatte Erhard für seine eigene Selbständigkeit und Erwerbstätigkeit Möglichkeiten sondiert für einerseits "Fotografie im Auftrag" (z.B. Fotodokumentation von Architekturbauten, neuen Tankstellen, üppigen Schaufensterauslagen im Einzelhandel, Schaustellerbetrieben auf Volksfesten) – und andererseits "Fotografie als Dienstleistung" (z.B. Fotoabzug-Bestellungen für Schulklassen, Hochzeiten, Santa Claus, öffentliche Festivitäten wie Tanzbälle, Karnevalssitzungen, Big-Band-Livemusik-Konzerte mit Aufforderung zum Tanz). Er hat den eigenen Wandergewerbeschein damit zum Leben erweckt und eben ausprobiert, was geht. Das Wirtschaftswunder in Westdeutschland blühte auf, wohin man auch schaute. Die Leute hatten wieder Geld und wollten damit auch wieder richtig gut und gesellig leben. Das Gesellige hatte in den 1950er-Jahren Priorität vor der allumfassenden Technisierung des Alltags. Eine Waschmaschine war daher damals im Privathaushalt auch wichtiger, als dass jeder Haushalt sofort über eine eigene Fotoausrüstung zur vollumfänglichen Dokumentation des eigenen Lebens verfügen wollte. Was hätte man davon denn auch sich und anderen zeigen wollen? — Ja: Mit den Urlaubsreisen und den eigenen Fotos im Sonnenlicht des Sommers als Erfahrungsbeleg ging es dann schließlich langsam los mit den eigenen Fotoaktivitäten in der Bevölkerung. Von diesen wirtschaftlich prosperierenden Entwicklungen Westdeutschlands in der Mitte der 1950er-Jahre wollte man in der Familie Polzer im Fotobereich nunmehr partizipieren.

Das Jahr 1955 brachte dann allerdings für die Familie gravierende und unvorhergesehene Änderungen mit sich. Darüber und über die weiteren Entwicklungen zu meinem Vater, seiner späteren Ehefrau, den Familienangehörigen und dann irgendwann auch schließlich meiner eigenen Ankunft als Niedergekommener in Stuttgart ein ander' Mal mehr.

Mein Vater Erhard Polzer ist einen Tag nach dem späteren britischen Filmregisseur John Schlesinger geboren, der am 16. Februar 1926 in London das Licht der Welt erblickte. Auch John Schlesinger beginge dieser Tage seinen 100. Geburtstag; er starb 2003. Der tschechische Filmregisseur Miloš Forman ist an einem 18. Februar geboren, sechs Jahre später als mein Vater, 1932; er starb 2018. Ebenfalls an einem 18. Februar ist der ungarische Filmregisseur István Szabó geboren, 1938. Costa-Gavras ist an einem 12. Feburar geboren, im Jahr 1933. Und der deutsche Filmregisseur Heinrich Breloer feiert heute, am 17. Februar, ebenfalls Geburtstag, seinen 84. Diese späten Wassermänner haben bei mir mit ihren Kino-Werken stets starke Spuren hinterlassen. Der "Marathon Mann" von Schlesinger, "Einer flog über das Kuckucksnest" und "Hair" von Forman, "Z" sowie "Missing" von Costa-Gavras, "Mephisto" von Szabó waren für mich extrem beeindruckte Kinoerlebnisse meiner Teenagerzeit in Stuttgart. Dieses solare Licht der späten Wassermänner war für mich energetisch auch deshalb so bedeutend, weil mein "Weltbegegnungspunkt", der astrologische Aszendent (AC), auf 24° Wassermann sitzt. Dort befindet sich auch mein empfindsamer Mond in Opposition zum DC-Uranus. Diese späten Wassermänner haben mir energetisch ihr maskulin-solares Radix-Licht auf den Mond-AC d'raufgestellt und den oppositionellen Erkenntnis-Uranus am DC zum Schwingen gebracht, ob im Nahfeld wie bei meinem Vater oder später medial von der Ferne her eben die beispielhaft genannten Filmregisseure mit ihren Werken. Denn im Kinofilm der 1970er-Jahre war der Filmregisseur i.d.R. der Autor des Werks. Es ist also kein Zufall, dass Miloš Forman "Hair" 1979 verfilmt hat: Aquarius – when the moon is in the seventh house... | [Und wo wir gerade dabei sind: Spielberg ist später Schütze (passt an sich), Scorsese ein später Skorpion (passt eher selten), F.F. Coppola ein dynamischer Widder (mit dem Kopf durch die Wand, staune wie die Wand jetzt aussieht) und Lumet war ein früher Krebs (immer sehr angenehm menschlich, passt mir sehr).]

Heute, am 17. Feburar 2026, am 100. Geburtstag meines Vaters, findet zudem eine voll-uranische Sonnenfinsternis auf 27° Wassermann statt mit Vollverdunklung der Antarktis und durch diesen Südpol-Bezug daher mit Weltgeltung. Nach Werner Held gibt diese heutige Sonnenfinsternis eine Gesamtrahmung für den bereits erfolgten, sehr bedeutsamen Zeichenwechsel von Saturn und Neptun aus Fische nach Widder und für die unmittelbar bevorstehende Saturn-Neptun-Konjunktion auf 0° Widder am 20. Februar, in drei Tagen also. Vieles steht also auf Neustart, kommt auf den Tisch unter grell-aufklärisches Licht (bei mir: ts PL 4-5° WAS Tri rx SO 4° ZWI) und drängt zur Tat in der Luftepoche. Ich gebe zu: Das Interesse für Astropsychologie kommt bei mir eher aus der mütterlichen Linie als vom Vater, der meine Begeisterung für Foto, Film und Kino einst entzündete und bei dem ich mich in meiner Jugend mit Medientechnik-Themen sehr vertraut machen konnte, mich quasi darin "imprägnieren" konnte – und darin einen engen Kontakt-Kanal zu ihm fand. Das hat er mir mitgegeben.

[Fortsetzung folgt]

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