Mein wildes studium generale, West-Berlin: 1985 - 1988
In diesen Wochen jährte sich die nukleare Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 zum 40. Mal. Die Generation meiner Lehrer und Eltern berichtete, dass bei großen und weltweit relevanten Ereignissen, – wie dem Tag des Berliner Mauerbaus 1961, dem Tod von Marilyn Monroe 1962 oder dem Attentat auf John F. Kennedy 1963 – sich stets eine genaue Erinnerung an die Umstände, den Ort und die Atmosphäre um einen herum beim Erfahren dieser Nachricht einstellt, die sich dann in der persönlichen Erinnerung eng an das entsprechende, weit entfernt oder sehr im Abstakten stattfindende, Ereignis anhaftet.
Die über mehrere Tage langsam hereinkommenden Nachrichten zum Ausmaß und zur Relevanz der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, Ende April | Anfang Mai 1986, trafen mich bei meinem informellen studium generale, das ich von 1985 bis zum Start meiner College-Zeit am Berlin-Kolleg am 8.8.88 an Universitäten und Hochschulen überwiegend in West-Berlin absolvierte. Die maßgebliche Lehrveranstaltung, an die ich mich im Zusammenhang mit Tschernobyl im Sommersemester 1988 sehr genau erinnere, war sinnigerweise die Vorlesungsreihe "Einbildungskraft: Diagnose eine Defizits" von Prof. Robert Kudielka an der damaligen Hochschule der Künste Berlin. Prof. Kudielka war von 1978 bis 2010 Inhaber des Lehrstuhls für Ästhetik und Theorie der Kunst an der damaligen HdK, die mit Promotionsbefugnis schließlich zur UdK wurde. Aus der Vorlesungsreihe zur Einbildungskraft hatte sich bei mir eine Denkfigur von ihm zum Wesen der Einbildungskraft dauerhaft eingebrannt, die wiederum sehr gut zu den damaligen aktuellen Ereignissen passte: "Das Abwesende als Abwesendes gegenwärtig werden lassen."
Während meines studium generale konnte ich noch zwei weitere Lehrveranstaltungsreihen bei Prof. Kudielka an der HdK genießen: Ein Seminar zur "Philosophie der Kunst" bei Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und eine weitere Vorlesungsreihe (wieder reich bebildert in Doppeldiaprojektion) zum Thema "Farbe in der Malerei". Bei Vorlesungen von Prof. Kudielka war der Audimax der HdK meist bis zum letzten Platz besetzt; die Vorlesungen starteten in der Regel um 18.00 Uhr c.t., i.d.R. zwei Mal pro Woche und endeten ohne Pause so gegen 21 Uhr, manchmal auch später. Als Klaus Heinrich – ein zu Kudielka vergleichbares Vortragsgenie – einmal seine Studenten fragte, ob sie zu ihrer Universität ein erotischen Verhältnis hätten (was viele der Studenten als Frage gar nicht verstehen konnten), fielen mir stets die Vorlesungen von Prof. Kudielka ein.
Einen weiteren und anderen Zugang zur aísthēsis als akademischer Kunsttheorie und -praxis fand ich später dann bei Rudolf zur Lippe als Inhaber des Lehrstuhls für Ästhetik an der Universität Oldenburg: dort weniger Hermeneutik, mehr Anthropologie und mehr sinnenbezogenes Körperbewußtsein als Widerstandskategorie eines "Sinnenbewußtseins": "Wie lebt das Leben?"

Das Atmosphärische dieser Tage von Tschernobyl konnte ich 1988 für mich in einen experimentellen Kurzfilm gießen, der beim Internet Archiv weiterhin online verfügbar ist:

Die zweite Hälfte der 1980er Jahre war ich in West-Berlin noch in meinem Ausbildungsberuf als Werbekaufmann bei Berliner Werbeagenturen beschäftigt: bei der Werbeagentur Löhlein & Schonert, wo ich Mariette Rissenbeek – damals frisch von der Uni beim Start in ihr Berufsleben – kennenlernen konnte. Und später noch ein letztes Werbebranchen-Engagement bei der Werbeagentur Flaskamp, was für mich dann auch recht bald den Abflug aus der Werbebranche insgesamt bedeutete, verbunden mit meinem damals wirklich dringenden Bedürfnis – im 'zarten Erwachsenenalter' von rund 24 Jahren – nach dem Erwerb von grundlegend kultureller Bildung mittels eines von mir selbst zusammengestellten studium generale, also durch etwas, was im "Bildungs-Supermarkt" nicht gerade als Fertiggericht im Sortiment erhältlich war.
Darüber hinaus ergab sich für mich, an diesem biografischen Kreuzungspunkt angelangt, – noch vor meinem College-Start beim Berlin Kolleg am 8.8.88 –, ein Praktikum bei der damals aufmüpfigen und dabei die westdeutsche Presselandschaft aufmischenden tageszeitung, taz, bei dem ich die Ur-taz-Mannschaft der inzwischen gesetteten 1980er-Gründer-Jahre in deren Redaktionsräumen in der Weddinger Wattstraße aus der Nähe beobachten konnte. Lebhaft in Erinnerung geblieben ist mir dort insbesondere Mathias Broeckers, der damals das Berliner Kulturresort als Redakteur leitete und mich schließlich über Jahrzehnte bei seiner Suche nach Wahrheit mit seinen Telepolis-Artikeln und Buch-Publikationen begleitete. Die anderen schillernden Journalistik-Persönlichkeiten bei der taz der 80er Jahre hatten dann zumeist früher oder später die revionistische Berufskarrieren-Wende in die Konzern-Verlage für sich selbst vollzogen. Dieses Praktikum bei der taz war für mich ebenfalls ein Seitenwechsel, weil ich einen Redaktionsalltag nun von innen heraus kennenlernen konnte.
Wenn ich mein studium generale zur aísthēsis von 1985 bis 1988 als mir selbst zusammengestelltes Curriculum zusammenfassen wollte, dann käme neben den oben bereits erwähnten Lehrveranstaltungen bei Prof. Kudielka zur Kunstgeschichte und denen der anthropologisch orientierten Ästhetik bei Prof. zur Lippe eine Liste wie diese dabei heraus:
Filmgeschichte, insgesondere Geschichte des Experimentalfilms
bei Prof. Wolfgang Ramsbott
Hochschule der Künste Berlin, Hardenbergstraße.
Begleitende Videoprojektionen mit Werkbeispielen von VHS | u-matic mit den ersten SONY-3-Röhren-Beamern, sonst, sofern verfügbar, 16-mm-Filmkopie-Projektion.
Bei meinem späteren Magisterstudium an der Freien Universität Berlin (1990 - 1995) habe ich Filmgeschichte dann u.a. von Karsten Witte und Karl Prümm vermittelt bekommen. Karsten Witte war zuvor Herausgeber der Schriften von Siegfried Kracauer für Suhrkamp; Kraucauers Hauptwerke: "Von Caligari zu Hitler", "Theorie des Films". Das Seminar für Film/Fernsehen als Teil der Theaterwissenschaften an der FUB war 1994/1995 verwaist: Karsten Witte war todkrank und ist dann am 23. Oktober 1995 verstorben; Prümm ging unterdessen nach Marburg. Meinen Magister habe ich dann bei Rischbieter und Zielske abgelegt.
Theatergeschichte
Gründzüge der Theatergeschichte
bei Prof. Peter Simhandl
Hochschule der Künste Berlin, Fasanenstraße,
als Theorieangebot für dort studierende und auszubildende Schauspielerinnen und Schauspieler; zusätzlich wurden Hochschul-Theaterpraxis-Projekte der HdK durch Simhandl dramaturgisch begleitet (zu Artaud und Kandinsky);
der Vorlesungs-Reader (und quasi Buch-Vorläufer) von 1985 in einer Rezension.
Mit Inka Friedrich konnte ich damals nach den Vorlesungen nebenan noch Kaffee trinken gehen; die Filmbühne am Steinplatz mit Cafébetrieb war dabei auch ein Ort für Cineasten mit Kinovorführungen, Stichwort: Programmkino.
Bei meinem späteren Magisterstudium an der Freien Universität Berlin (1990 - 1995) habe ich Theatergeschichte dann u.a. von Henning Rischbieter und Harald Zielske vermittelt bekommen. Das spätere "Abdriften" der akademisch vermittelten Theatergeschichte und Theatertheorie in die Ideologeme des "Performativen" und des "Post-Dramatischen Theaters" ist mir noch erspart geblieben.
Musikgeschichte
Vorklassik, Klassik und Romantik,
Richard Wagner, Gustav Mahler
bei Prof. Peter Rummenhöller
Hochschule der Künste Berlin, Mierendorffplatz.
Carl Dahlhaus und Helga de la Motte vom
Musikwissenschaftlichen Institut der Technischen Universität Berlin
waren zu Fragen der Musikgeschichte und Musiktheorie in Berlin damals führend.
Ich erinnere mich an zumindest eine interdisziplinäre Lehrveranstaltungssreihe zwischen TUB und HdK zu Topoi wie Serieller Musik und Filmmusik (Buchpublikation "Filmmusik", Hanser, 1981).
Philosophiegeschichte
• bei Prof. Margherita von Brentano zu Aristoteles,
Freie Universität Berlin, Philosophisches Institut, Dahlem;
als letzte Lehrveranstaltung kurz vor ihrer Emeritierung im Jahr 1987.
• bei Prof. Gerhard Göhner zur Scholastik,
Freie Universität Berlin, Otto-Suhr-Institut für Politologie, Dahlem
• die großen Überblicksvorlesungen von Prof. Hans Poser
zur Geschichte der Philosophie an der Technischen Universität Berlin,
Philosophie-Fakultät, Straße des 17. Juni –
sowie seine öffentlichen Vorträge zur Philosophie
an der Urania Berlin nahe Wittenbergplatz
Religionswissenschaft
Vorlesungsreihen zur Ereignisfaszination, Katastrophensehnsucht
und zur Bedeutung des Mythos, zur heutigen Relevanz der Mythen
bei Prof. Klaus Heinrich
an der Freien Universität Berlin, Paul-Tillich-Institut, Dahlem
Politikwissenschaft
Seminar zur Verfassungsordnung der USA
bei Prof. Ekkehart Krippendorff
am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien
an der Freien Universität Berlin, Dahlem
Krippendorff war einer der Pioniere der Friedensforschung und darin
Befürworter "horizontaler Verhältnisse", heute wichtiger denn je.
Politische Theorie – Frankfurter Schule
Seminare bei Dr. habil. Helmut König
am Otto-Suhr-Institut für Politologie
der Freien Universität Berlin, Dahlem;
vor seiner Berufung als Universtitätsprofessor
zum Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen.
Den Schriften von Michel Foucault bin ich am OSI in diesem Konext erstmals begegnet und habe damals sofort verstanden, dass er mit seinem herrschaftskritischen Diskurs letztlich ein Seelenverwandter der Frankfurter Schule war, obwohl die Herleitung und Verortung von Foucaults Denken i.d.R. ja aus anderen Hintergründen, Verlaufsformen und Schulen gezogen wurde. Foucaults Schriften begegneten einem in West-Berlin auch durch Veröffentlichungen des örtlichen Merve Verlags; über Wolfgang Hagen gibt es hier in anderen Blogpostings bereits Text. Das abwegige Denken einer Judith Butler war Mitte der 1980er Jahre noch kein Thema im Studium, über das ich hätte damals stolpern müssen.
Politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland
Seminar bei Prof. Gesine Schwan
am Otto-Suhr-Institut für Politologie
der Freien Universität Berlin, Dahlem
Einzelne Lehrveranstaltungen bei
Prof. Martin Greiffenhagen
am Politikwissenschaftlichen Institut der Universität Stuttgart;
Reisestudium nach Stuttgart wie auch nach Oldenburg zu Rudolf zur Lippe mit Tramper-Monats-Ticket; der Lehrplan folgte dem Bahn-Fahrplan. Auch Hude mit dem Gutshof als Wohnstätte von RzL für sein Privatissimum "Kolloquium für selbständig denkende Menschen" hatte einen Eisenbahn-Bahnhof. Das DB-Studium hat Spass gemacht.
Ich hatte mir die besten, mir damals naheliegenden Lehrer meiner Zeit für eine Heranführung an aísthēsis ausgewählt, sie in Lehrveranstaltungen aufgesucht und konnte viel von ihnen und durch sie zu meiner grundlegenden Orientierung lernen. Dabei lernte ich auch die Unterschiede beim Vermitteln zu erkennen, die Unterschiedlichkeit von Lehr-Stilen, im Methodischen wie im Persönlichen. Und die atmosphärischen Unterschiede der jeweiligen Hochschulen, ihrer Fakultäten und ihrer Lernorte: HdK Berlin, FUB, TUB, Urania Berlin, Stuttgart, Oldenburg. Der ZEN-Steingarten von Rudolf zur Lippe und Gert Selle an der Uni Oldenburg als "ästhetische Bildung" im Vergleich zu den akustischen Bedingungen beim Vorlesungs-Betrieb in den Hörsälen des Henry-Ford-Baus der FUB, zum Beispiel. Dort aber in der Architektur deutlich spürbare Nachkriegsgeschichte.
Die Wirkungen dieses studium generale bedeuteten, mir deutliche "Richtungspfosten" zu erarbeiten, die in meinem späteren, universitären Regelstudium von 1990 bis 1995 – nach meiner College-Zeit also, dann mit Regelstudienzeit, Regelerwartungen und Regelleistungen – kaum in dieser Intensität so hätten erzeugt werden können, schon gar nicht nach Bologna. Mein individuell und höchst selbst zusammengestelltes studium generale war von 1985 bis 1988 für mich ein wildes Kreuz-und-Quer-Konfrontieren, Begegnungen mit Neuem und mir relevant Erscheinendem als Herausforderung in einer wilden Zeit als junger Erwachsener in den letzten Jahren eines kulturell ebenfalls wilden und eingemauerten West-Berlin. Das ging, aber man mußte das auch wirklich so wollen. Hilfreich war mir zudem die damalige Lektüre von Arnold Hausers Sozialgeschichte der Kunst und Literatur aus dem Jahre 1953. Kunstsoziologie der vergangenen Zeiten war mehr etwas für das Selbststudium, so schien mir. Mit Hausers kunstsoziologischem Geschichtsverständnis lässt sich vorhersagen: Wenn es zu einem grundlegenden Wandel bei Ökonomie, Gesellschaft und Politeia kommen sollte, dann wird auch eine Neue Kunst auf hohem Niveau wieder erblühen können. – Mein erstes philosophisches Werk, das ich überhaupt und dann mit großem Vergnügen las, war die Dialektik der Aufklärung von Horkheimer/Adorno, aus dem Jahre 1947. Man soll sich ja am Anfang auch nicht gleich zu viel zumuten.

An die Geschichte des Experimentalfilms herangeführt wurde ich durch zwei Seminare in den Jahren 1986 und 1987 bei Wolfgang Ramsbott, Filmemacher im Umfeld des Literarischen Kolloquiums in Berlin-Wannsee, Gründer der Filmsektion dort und dann seit 1973 Professor für Filmgestaltung an der damaligen West-Berliner Hochschule der Künste.
Bei Wolfgang Ramsbott gab es Filmbeispiele zu sehen von Walter Ruttmann (Opus 1 - 4), über Flaherty (Nanook, Man of Aran, Louisiana Story) und Ivens (Regen, Spanish Earth, Nieuwe Gronden) bis zu McLaren (Neighbours, AA), aber auch Spielfilme wie Greenaways Kontrakt des Zeichners, den ich dort zum ersten Mal sah ("von der Seite aus betrachtet" war ein Spruch in diesem Greenaway-Film, der damals als Denkmodell gesessen hatte, mitten im Postmodernismus).
Von Flaherty war der Weg nicht weit bis zu Richard Leacock (Kamera-Arbeit unter Flaherty bei Louisiana Story, Jazz Dance) und dann weiter zum "Direct Cinema", also zur mobilen Revolution des Dokumentarfilms mit Pennebaker, Leacock und Drew durch den Technikfortschritt von Nagra-Tonbandgerät mit Quarz-Sync-Sound und Pilotton, gefilmt mit 'geblimpten', geräuscharmen 16-mm-Filmkameras. Richard Leacock hatte ich Anfang des Jahrhunderts dann in Stuttgart am Haus des Dokumentarfilms noch persönlich und live erlebt, wie er von miniDV und von diesem, gerade stattfindenden, digitalen Technikwandel für das Filmemachen ganz beseelt und begeistert war. Wenn man so will, war auch Cassavetes mit seinen frühen Filmen Shadows und Faces ein experimentelles "Nebenprodukt" dieser experimental-filmischen Bewegung.
Bei den Lehrveranstaltungen von Ramsbott hatte ich dann auch zum ersten Mal von Stan Brakhage und Maya Deren etwas gehört und auch gesehen. Die Verbindung von Stan Brakhage zum "Anthology Film Archive" in New York City, also zu Jonas Mekas als Person, nachvollziehen zu können, war mir sehr relevant. Mekas und Brakhage sind für mich nach wie vor die wichtigsten experimentellen US-Filmemacher. Der gerade verstorbene deutsche Filmemacher Peter Sempel hatte insgesamt vier Langdokumentarfilme im Verlauf von 30 Jahren über Jonas Mekas veröffentlicht.
Neben Brakhage und Mekas hatte für mich auch Norman MacLaren vom National Film Board of Canada (NFB) ernorme Bedeutung.
Von seinem "Pas de deux" (1968) besaß ich in den 1980er Jahren eine 16-mm-Filmkopie in Privatbesitz, mit Bauer P6 Projektor, zeitlich vor Online und Streaming; VHS-Videos aus Kanada wären in NTSC gewesen und waren hier i.d.R. nicht kompatibel.
"Pas de deux" heute als Videostream beim NFB verfügbar:
https://www.nfb.ca/film/pas_de_deux/
"Pas de deux" als Videostream beim Internet Archive:
https://archive.org/details/1968normanmclarenpasdedeuxenglishversionbynormanmclarennfb1080mp4
Bei Norman MacLaren angekommen – der mit seinem Lifelong-Lebenspartner Guy Glover – damals! – offen schwul zusammen lebte und die beide unter John Grierson zusammen für das NFB arbeiten durften –, darf im kursorischen Ritt durch das Experimentalfilm-Genre Kenneth Anger als US-Westküsten-Experimentalfilmer in der Aufzählung nicht fehlen. Von Anger sind seine drei Buchpublikationen zu "Hollywood Babylon" immer noch berüchtigt.
Beim Internet Archive sind derzeit zehn von Kenneth Angers Werken online abrufbar:
https://archive.org/details/kenneth-anger-six-movies-1947-1973
Neben den Dokumentarfilm-"Expeditionen" von Joris Ivens haben mich die Arbeiten von James Benning sehr beeinflusst, mit seinen epischen und lebenden Landschaftsbildern, die die Zeit an sich vorführen am bewegt Unbewegten. Benning wirkte akademisch von Los Angeles aus, war letztlich vom Wirkungskreis her damit auch ein US-Westküsten-Experimentalfilmer. – Filme von Benning und Ivens liefen über die Jahrzehnte gerne auch beim Berlinale-Forum in Berlin; Bennings "europäische Heimat" liegt beim Österreichischen Filmmuseum in Wien, da Peter Kubelka nicht nur das Wiener Filmmuseum, sondern – zusammen mit Mekas – auch das Anthology Film Archive in New York City einst mitgegründet hatte. Das Werk des Niederländers Johan van der Keuken habe ich später, während meines Magisterstudiums (1990 - 1995), bei einem Seminar unter der Leitung von Elisabeth Büttner kennengelernt.
Wenn ich an meine Zeit bei Wolfgang Ramsbott zurückdenke, dann zeigt sich mir, dass nach der Jahrhundertwende wohl eher Computerspiel-Professuren an allen möglichen, eilig in der digitalen Medieneuphorie neu gegründeten Bewegtbildschulen eingerichtet wurden, als dass klassische Experimentalfilm-Professuren für Filmgestaltung noch benötigt worden wären. Hier lag in der jüngeren Vergangenheit für mich auch eine Dynamik für die Marginalisierung dieser Kunstform im und durch den akademischen Diskurs begründet. Weitergetragen wird die filmmaterial-basierte Kunstform des Experimentalfilms – quasi als "flackernde Fackel" vergangener Zeiten – in der aktuellen Praxis zumeist durch lokale Filmlabor-Kooperativen wie dem labor.berlin mit DIY-Filmlabor, Screenings eigener Arbeiten, Retrospektiven von Gästen, Restaurierungen und Diskursmöglichkeiten. Zugang zu Filmkameras, Filmmaterial, Tricktischen oder Filmschneidetischen ergibt sich i.d.R. über solche Kooperativen. Lernformen sind meist Workshops: hands-on oder online. Filmlabor-Kooperativen gibt es in Europa neben Berlin auch z.B. in Riga, Barcelona, Porto, Nantes und Rotterdam. Der Verbund von ihnen nennt sich SPECTRAL.
Diesen Gegensatz, – von Kooperativen (Schaffens-, Lern- und Kommunikationsorte durch Künstler, Publizisten, Kommunikatoren, Lehrer oder Bürger in privater Inititative) einerseits und den immer mehr degenerativen staatlichen Bildungseinrichtungen andererseits –, gilt es weiterhin scharf zu beobachten, möglicherweise als Modell für anderes und weiteres. Das Projekt der Freien Medienakademie etwa durch Antje und Michael Meyen scheint mir im Journalismus in eine ähnliche Richtung zu deuten.
Im meinem textlich fixierenden Rückblick auf meine Zeiterfahrung von vor 40 Jahren fällt mir nun auch recht deutlich auf, wie stark der eigentlich autonom gedachte akademisch-wissenschaftliche Betrieb durch Zeitgeist-Moden, kontextuelle Gefälligkeiten, externe Branchenentwicklungen und auch durch subtile oder weniger subtile politisch-ideologische Vorgaben geprägt oder imprägniert wurde: Wokismus, Genderei und doktrinäre Mainstream-Meinungen besetzen ja nicht von ungefähr derzeit die Zentren der öffentlichen Bildungsinstitutionen allgemein. Dabei wurde durch diesen Paradigmenwechwel die überwiegende Abwesenheit von intellektueller Neugier und kritischem Denken herbeigeführt und damit gleich auch noch das Autonomiebestreben als akademische Tradition aufgegeben. Wahrscheinlich haben das die alten Akademiker, wie die aus der Generation etwa von Harald Zielske (*1936, Uni-Berufsstart 1962), über die spätere Infiltrierung durch die 1968er-Generation mit ihren Folgen auch schon so gesehen. Nur wird man ihnen, den 68ern, halt nicht fehlende intellektueller Neugier und Abwesenheit von kritischem Denken attestieren wollen. Die K-Gruppen am OSI waren noch in den 1980er Jahren nervig, keine Frage. – Nein: Früher war nicht alles besser; es gibt jedoch heute Verluste, Abwesenheiten und Degenerationen im akademischen Bildungsbetrieb zu attestieren und das nicht zu knapp. Von "Wissenschaftlichkeit" zu sprechen, verbietet sich angesichts der vorherrschenden mentalen Zustände mittlerweile fast von selbst.
Erst in jüngster Zeit, in den letzten Jahren, habe ich die Experimentalfilm-Geschichte in Japan für mich entdeckt, zum Beispiel bei Shūji Terayama und Takashi Ito.
Hier ein paar Links zu Filmen von Shûji Terayama:
https://archive.org/details/throw-away-your-books-rally-in-the-streets-shuji-terayama-1971
https://archive.org/details/terayama-movie-guide-for-young-people
https://archive.org/details/shuji-terayama-the-labyrinth-tale-meikyu-tan-1975
https://archive.org/details/grass.-labyrinth.-1979.-dvdrip.x-264.z-pz.-cg
Und hier eine Film-Anthologie zu Takashi Ito:
https://archive.org/details/takashi-ito-film-anthology-1981-2002
Wie künstlerisch reich der japanische Kinofilm nicht zuletzt aufgrund von biographischen Kunstpraxis-Kreuzungen und -Überschreitungen war – sozusagen Avantgarde als Lebensprinzip –, zeigen im ganzen Spektrum von Pluralität und Multidimensionalität auch die Filmographien etwa von Masahiro Shinoda, Toshido Matsumoto, Seijun Suzuki, Kaneto Shindô, Hiroshi Teshigahara, Tadashi Imai, Kôji Wakamatsu, Jûzô Itami oder von Tanaka Kinuyo, neben denen der bei uns bekannteren japanischen Filmregisseure wie Ozu, Ichikawa, Kobayashi, Kinoshita, Mizoguchi, Hasegawa, Naruse, Ōshima, Kitano, Koreeda. Von der Tadition des Genrekinos (Yakuza, Godzilla und Sex) und jener der Animationsfilmkunst (Manga, Miyazaki und Oshii) einmal ganz zu Schweigen.
Die dualistische Scheidung – zwischen konventioneller Kinoerzählung in Spielfilmen einerseits und der davon komplett getrennt zu betrachtenden Experimentalfilm-Entwicklung als periphere Sonderform des Kinematographischen außerseits – macht gerade im Japanischen Film daher kaum Sinn. Und dies hat sich auch bei den jüngeren, jüngsten und allerjüngsten Generationen der japanischen Filmkünstler weiter so gezeigt und auch weiterhin so bewährt. Markantes Beispiel dafür: Ryusuke Hamaguchi.
Kayo Adachi-Rabe attestiert 2021 daher als Zusammenfassung in ihrer Kompakt-Monographie "Der Japanische Film" auf Seite 115:
"Parallel existieren mehrere filmische Generationen von Filmemachern und verschiedenen Stilrichtungen, die aktiv aufeinander reagieren. Einheimische Kunst- und Filmtraditionen sowie internationale Einflüsse werden unablässig weitergegeben und in den Werken der Gegenwart intensiv akkumuliert. Stil und Geist der epochalen Werke leben weiter fort. Das japanische Kino veranschaulicht beispielhaft, wie dynamisch die Filmkunst intertextuell expandiert, indem sie sowohl mit anderen Kunstgattungen und Medien als auch mit der Realität und mit der Rezeption des Publikums in einer regen Wechselbeziehung steht. Dadurch evolviert das Filmische unaufhörlich weiter."
Mit anderen Worten: Es zeigt sich als "Diagnose eines Defizits", was in Europa allgemein und in Deutschland im besonderen fehlt: Einbildungskraft. Im kulturellen und künstlerischen Potential, das Abwesende als Abwesendes gegenwärtig werden lassen zu können und damit in die Erscheinung von Werken zu bringen. Das ist das Gegenteil davon, sich mit seiner subjektiv nabelschauenden Welt im Kino-Spiegel selbst zu bewundern. Da helfen dann auch keine Verdopplungen der Mittel von staatlicher Filmförderung, eratische Bundeskunstminister mit ihren Ermahnungen oder Ablasszahlungen von Streamingdiensten. Die zunehmenden Spaltungen der Gesellschaft verdoppeln sich als Schwächung des künstlerischen Gesamtauftritts in voller Breite, wo es dann auch keine Tiefe mehr gibt. Die Substanz der Kunstproduktion zu existentiellen Fragen und die Hervorbringung von fragender Bedeutung sowie gesellschaftlicher Relevanz kommt zum Erliegen. Dabei ist bedauerlicherweise auch ein umfassender Niedergang in der Schwächung der kulturellen Praxis insgesamt zu attestieren.
Und gerade das Fehlen einer Wechselbeziehung der Filmkünstler zur umfassenden Realität beim gegenwärtigen westlichen Arthouse-Autorenkino wurde von Lars Henrik Gass in seiner jüngsten Textveröffentlichung "Objektverlust. Film in der narzisstischen Gesellschaft." aus dem Jahr 2025 in aller kursorischen Kürze wirklich messerscharf seziert und offengelegt: Wir sind vom Weg abgekommen, von der Universalität des Kinos, abgekommen vom notwendigen Materialwiderstand des analogen Filmmaterials, von der Wendigkeit leichtgewichtiger Kameratechnik, von der Einfachheit von Beleuchtungstechniken, von Begrenzungen bei Farbmanipulationen, von den Möglichkeiten der 35-mm-Positivfilmkopie. So gesehen vom und gehört beim artechok-Podcast-Gespräch am 22.04.2026 mit Dominik Graf und Rüdiger Suchsland. Graf plädiert für "Viaggio in Italia" und für Rossellini als Zentrum der Filmgeschichte. Und mir ist jetzt auch nachvollziehbar, dass jemand, der lautstark als Publizist 2022 für die injizierende Zwangsanwendung von binären Biowaffen zur planetaren Bevölkerungsreduktion plädierte, die Filme von Tarantino mit ihrem Humanismus und Realismus einfach gut finden muss, gerade weil man sich in jener Filmgeschichte, die zum NS-Propagandakino führte, und im NS-Propagandakino selbst, so gut auskennt. Auf die inhaltliche Synthese von Corona-Covid, Goebbels und Tarantino und deren Umschlag in unsere Wirklichkeit muss man auch erst mal kommen. Jetzt sind wir bei den Spiegelungen der Realität zu sich selbst angelangt, dem invertierten oder exkludierten Narzismus, also einer Art exogenen Narzismus. Bei sehr dunklen Dingen. Der anderen Realität. So komplex sind die Zeiten geworden. Eigentlich kinoreif, im klassischen Sinne von Kino.
Meine Veranlassung, in Sachen Japanischer Film etwas tiefer schauen und ein wenig mehr wissen zu wollen, lag ursprünglich in der – wie mir schien – alles und alle andere überdeckenden Bedeutung von Akira Kurosawa, die der Westen in der Kanonisierung seines dadurch erst überragend gewordenen Werks geleistet hatte: eine sehr fragwürdige Leistung, wie ich finde, weil gerade die Kanonisierung dem Wesen und dem Sinn der japanischen Kultur zuwider läuft. Kanonisierung der Filmgeschichte ist daher eine Gefahr, gerade wenn es um Offenheit, Vielfältigkeit, Mannigfaltigkeit, Vergleichbarkeit und Prozesse gehen soll. Daher: Giganten des Kinos als "Ikonen der Filmkunst" produzieren durch ihre Inthronisisierung einfach zu viel Schatten um sich herum; sie stehen mit ihrer Größe im Weg. Es bleibt jedoch spannend zu beobachten, wie gerade die japanische Filmkunst mit ihrer reichen und vielfältigen Tradition und mit ihrer in Elastizität bei Gefahren jedweder Art von "Erdbeben" auf die gesellschaftlichen, geistigen, ökonomischen und handwerklichen Herausforderungen etwa durch die Maschinenbildgenerierung mittels AI/KI reagieren wird.
Meine früh erworbenen "Richtungspfosten" durch das studium generale von vor 40 Jahren deuten mir auch heute noch die Direktionen beim Entdecken vergangener kultureller Schätze und in entfernten Regionen, topologisch wie geografisch. Und sie halfen mir, als Praxis der aísthēsis Gutes von weniger Gutem unterscheiden zu können. Meine Kuratorentätigkeit für das Globians Doc Fest Projekt von 2005 bis 2013 wäre kaum ohne diese Grundierungsarbeit möglich gewesen. Es soll heute bereits schon dezidierte universitäre Studiengänge für Kunst-Kuratoren zur Berufsausbildung als Teilbereich des Kulturmanagements geben. Mir scheint, dass es heute jedoch eher an einer fundierten Vermittlung von kulturellen, gestalterischen und künstlerischen Grundlagen mangelt, auch bei der Vermittlung von geschichtlichen Zusammenhängen und Interdependenzen, im sich erst darin einstellenden Verständnis von Genese und einer dabei aus dem Erkenntnisobjekt selbst sich ergebenden Anwendung von Hermeneutik. Das alles gab es für mich im Zeitraum von 1985 bis 1988 quasi im Vorübergehen als Ermöglichung. Ich bin von meinen damaligen Lehrerinnen und Lehrern darin reich beschenkt worden und verneige mich vor ihnen.

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