80 Jahre Atombombe: Vier Mal Oppenheimer – Teil 5
Kilian Mutschke und Joachim Polzer am Mikrophon.
Joachim Polzer am Schreibtisch.
Vier Mal Oppenheimer
5. und letzter Teil
Oppenheimer
(USA, UK 2023)
Regie: Christopher Nolan
Hauptdarsteller: Cillian Murphy, Emily Blunt,
Matt Damon,
Robert Downey Jr.
80 Jahre Atombombe.
Nachfolgend der fünfte Teil des Transkipts der Episode 41 vom 25. Juni 2025
in der Film-Podcast-Reihe akiwiwa – als Kino wichtig war… ,
zur besseren Lesbarkeit leicht redigiert und leicht gekürzt:
JP> Nun sind wir im Zuge der Besprechungen von Oppenheimer-Verfilmungen bei unserem letzten Werk angekommen: der Oppenheimer-Produktion in der Regie von Christopher Nolan aus dem Jahre 2023. Ich finde nach wie vor: Das ist ein großes, bedeutendes Werk.
KM> Ja, auch ich würde sagen, es ist der beste Film bislang von Nolan, weil hier trifft eine non-lineare Erzählweise auf eine biographische Erzählung, die damit das klassische, lineare Biopic-Genre aufweicht. Dass also nicht stur vom Beginn bis zum Höhepunkt und dann zum Niedergang führt, sondern quasi hin- und herwechselt und damit deutlich lebendiger wirkt als eine dieser linearen, biografischen Aufarbeitungen. Das hat mir sehr gut gefallen; der Film ist audio-visuell extrem stark und bis in die kleinsten Nebenrollen wirklich mit starken und bekannten Darstellern gut besetzt. Also es ist einfach ein wirklich großes Werk und völlig zurecht mit dem Oscar als Bester Film ausgezeichnet. Ich meine auch, dass das ein Filmwerk ist, an das man sich später erinnern wird, und dass es bis jetzt Nolans bester Film ist. Und auch von den Filmen, die wir in unserem Themenfeld gesichtet bzw. besprochen haben, ist es ebenfalls das stärkste Werk insgesamt.
Nolan hatte natürlich auch den Vorteil, sowohl über ein hohes Budget zu verfügen und sein Drehbuch auf einer unfassbar tiefen Rechercheleistung erstellen zu können, auf der Basis der Buchveröffentlichung unter dem Titel "American Prometheus". Unter hier kam dann halt eben alles zusammen: Nolans Kontakte in's Film-Business, sein Standing in der Branche, sich IMAX und Dreh auf Filmmaterial leisten und dabei auf Digital-Mätzchen verzichten zu dürfen, seine Erfahrung mit Sci-Fi-Stoffen wie zum Beispiel bei Interstellar. Und auch mit seinem Hauptdarsteller Murphy hatte Nolan zuvor bereits zusammengearbeitet in der Vergangenheit und wußte damit, was der konnte. Ja, er hat hier ein großes Werk erschaffen. Also ich war schon begeistert von dem Film; das muss ich schon sagen.

JP> Also Hochachtung. Und zwar auch dafür, dass das ein Drei-Stunden-Film ist und das ist für einen Spielfilm eine ordentliche Ansage, die mit Spannungsbögen füllen zu können. Und er ist vom Figuren-Ensemble so weit gefasst, dass keine wichtige, relevante Person als Figur fehlt und das wirklich bis hinein in die Nebenrollen: Harry Truman mit Gary Oldman – noch nie zuvor hatte ich in einem Spielfilm einen so überzeugenden Harry Truman mit dem passenden, stimmlich stimmigen Akzent gehört wie wie hier. Oder eben, dass einem da plötzlich Albert Einstein begegnet, der da in Princeton spazieren läuft und dabei seine Meinungen und Auffassungen kundtut, neben Niels Bohr, aus Kopenhagen zu Besuch, der von Kenneth Branagh gespielt wird, der meinte, er sei nicht zu Oppenheimer gekommen, um mitzuarbeiten, sondern einfach nur um zu warnen, dass es auch eine Zeit danach geben wird und dass sich Oppenheimer zu kümmern habe über diese Zeit danach. Und dann Werner Heisenberg, wunderbar gespielt von Matthias Schweighöfer, und Figuren wie Vannevar Bush, gespielt von Matthew Modine, eine Wucht, weil Vannevar Bush war eben auch der Vordenker des modernen Computers gewesen, so wie wir ihn dann mit PC und Macintosh kennengelernt haben. Bush hat sozusagen die theoretischen Grundlagen des Computerzeitalters gelegt oder Kurt Gödel, der Mathematiker. Dass Szilárd und Fermi, Rabi, Bethe, Fuchs und Teller als Figuren natürlich auch mit dabei sind, versteht sich von selbst.

Und dann die Gegenspieler von Oppenheimer: General Leslie R. Groves, der sehr dämonisch von Matt Damon gespielt wird und auch sehr bedrohlich in seiner physischen Präsenz hier auftritt, – und auf der anderen Seite die Figur von Lewis Strauss, als verschlagenem Vorsitzenden der Atom-Energiekommission, gespielt von Robert Downey Jr., der Oppenheimer bei diesem Untersuchungsausschuss zur Sicherheitsfreigabe rauskickt, wie wir's in dem Kipphardt-Klingenbergschen Fernsehspiel in aller Ausführlichkeit schon dargestellt bekommen haben.

Dort wird dann die zentrale Frage aufgeworfen, die von Oppenheimer selbst gestellt wird: Wo ist denn hier die Wahrheit? Wann kommt denn endlich die Wahrheit? Und die Wahrheit kommt dann, wenn im späteren parlamentarischen Berufungsausschuss des Senats, in dem Lewis Strauss als designierter Minister der Bundesregierung, als nominierter Bundesminister der USA, zum ersten Mal seit ungefähr 1920 parlamentarisch nicht bestätigt, also abgelehnt wird, unter maßgeblicher Mitwirkung einer bis dahin vollkommen unbekannten Person, nämlich durch John F. Kennedy, damaliger Jüngstsenator: Die Nichtzulassung als Bundesminister kassierte er offenbar, weil er zuvor gegen Oppenheimer intrigiert hatte.

In seiner Parallelmontage ist der Film eigentlich multiperspektivisch, weil wir einerseits die subjektive Wahrnehmung von Oppenheimer im IMAX-Format und in Farbe üppigst gezeigt bekommen. Auf der anderen Seite bricht der Film dramaturgisch nicht auseinander, weil die Schwarz-Weiß-Teile im 70-mm-Breitbild-Format die Welt von Lewis Strauss zeigen, der nicht verstehen kann, warum es jetzt in seiner Karriere mit seinem Schwarz-Weiß-Denken trotz breiter, vorausschauender Sicht nicht mehr vorangeht. Und diese doppelte Gegensatzführung einerseits mit der Militärleitung durch Leslie Groves, dem General aus der für Wissenschaftler sehr externen Welt des Militärs, von Matt Damon gespielt, und auf der anderen Seite der interne Widersacher im politischen Lager der Hierarchiekämpfe, Lewis Strauss, von Robert Downey Jr. gespielt: Das ist schon eine sehr dichte dramatische Darstellung mit allen Mitteln der Filmkunst, nicht wahr.

KM> Ja, die Struktur des Films hat mir auch sehr gefallen: nicht nur der Ausschuss zur Sicherheitsüberprüfung von Oppenheimer, auch die Senatsanhörung, die ein paar Jahre später war. Und dann der ganze Vorlauf der Entwicklungen, also die Unizeit von Oppenheimer, seine Zeit in Göttingen, seine Reisen und dann die Zeit in Los Alamos, wo ich mich teilweise an einen Western erinnert gefühlt habe, mit den Szenen, wie er dort zuvor mit dem Pferd entlang reitet und dabei die Entrücktheit des Ortes und der Landschaft entdeckt, die ihn das später zum entlegenen Forschungscampus machen wird, der dort aus dem Boden gestampft wird. Und dann die Qualität der Darsteller und ihre darstellerischen Leistungen: Josh Hartnett als Ernest Lawrence oder Jack Quaid, der Richard Feynman spielt. Gerade bei Feynman sieht man, wie tief da teilweise die Figuren ausgeleuchtet werden: Feynman spielt Bongos in dem Film und hat quasi einen Auftritt in dem Film. Das hat mir echt gefallen.
Der Scope des Films ist wirklich sehr groß. Und auch immer wieder Einsprengsel, wenn beispielsweise Oppenheimer eine neue Erkenntnis gewinnt und dann dabei bei ihm quasi eine Explosion in seinem Kopf stattfindet. Das fand ich visuell sehr spannend, wie das eben dargestellt wird. Und natürlich dann diese Szene mit der erfolgreichen Test-Explosion bei Los Alamos, die etwa nach zwei Stunden Filmlaufzeit kommt. Das fand ich filmisch wirklich stark umgesetzt.
Der Film schafft es auch, dass die Darsteller auch mal nicht reden müssen und es einfach eine Pause bei den Dialogen gibt. Denn es ist schon so, dass mir nicht alle Dialoge wirklich gefallen haben, wenn also die Ehefrau von Oppenheimer zu ihm sagt: "Du bist für Großes bestimmt." Oder etwa Groves Bemerkungen zu Oppenheimer, er sei so arrogant und eigenbrödlerisch. Also Dinge, die man subtil durch Schauspielen verdeutlichen kann, statt es so offensichtlich, ostentativ sagen zu müssen. Und daran habe ich schon gemerkt, okay, das ist eben ein Filmwerk, das sich an ganz viele Leute als potentielles Publikum richten soll. Mit seinen dramatischen Szenen richtet sich der Film an breites Publikum und ist bei den Dialogen eben offensichtlicher und greift dabei mit den Dialogen teilweise auch in das Geschehen kommentierend ein, was mir nicht immer so sehr gut gefällt. Während der Trinity-Bombenexplosion kommt der Film dann zur Ruhe und lässt die Bilder und den Sound komplett auf einen wirken.


Film Stills aus "Oppenheimer" von 2023, Regie: Christopher Nolan. Quelle: Universal Pictures.
Und davon hätte ich mir sogar mehr gewünscht in diesem Drei-Stunden-Werk. Aber dann hast Du andererseits so viele interessante Nebenfiguren und den Robert Downey Jr. mit seiner umwerfenden Darstellungsweise, wie er es einfach schafft, dieses Marvel-Universum quasi hinter sich zu lassen und hier richtig krass aufspielt. Oder Josh Hartnett, den ich ewig nicht mehr gesehen habe, hier mal wiederzusehen, in der Figur des Ernest Lawrence. Was mir bei Nolan besonders gut gefällt, ist, dass er seinen Schauspielern treu bleibt, weil Murphy hat ja schon bei "Batman Begins" einen Bösewicht gespielt, Scarecrow. – Oder Kenneth Branagh, der bei "Dunkirk" mitgewirkt hat, dass Nolan den Schauspielern also die Treue hält und mit denen immer wieder arbeitet: Das gefällt mir. Und so kann ich den Film einfach nur empfehlen.

Mir hat die Struktur gefallen, mit dieser Rahmenhandlung aus doppeltem Hearing mit der Anhörung zur Sicherheitsüberprüfung und der Senatsanhörung zur Minister-Nominierung, dass sich die Handlung um beides zentriert. Und dass der Film auch endlich mal etwas Nacktheit zeigt, das hat mir auch gefallen. Denn jede Form von Nacktheit ist mehr oder minder aus dem gegenwärtigen Mainstream verbannt. Dass wir hier also eine biografische Aufarbeitung haben, bei der einfach auch entblößte Körperlichkeit gezeigt wird, sowohl männlich als auch weiblich, das hat mir auch gefallen.
Wir leben bei Kulturerzeugnissen ja derzeit in so furchtbar langweiligen Zeiten, dass es unfassbar ist, was da teilweise im Mainstream so abgeht. Echt krass. Man darf nicht vergessen, der Film ist ja eigentlich als Dublette mit diesem Barbie-Film gehandelt wurde.
JP> Es war der Kampfbegriff von "Barbenheimer".
KM> Ich habe das wirklich auch so gemacht, zunächst habe ich Oppenheimer geschaut und danach Barbie. Das war wirklich eine spannende Seherfahrung. Erst hast du dieses audiovisuelle Fest und dann hast Du Barbie. Man kennt ja noch die Filme von Pedro Almodóvar aus den achtziger-, neunziger Jahren mit so schrillen Figuren, schrillen Outfits, schrillen Wohnungen. Überhaupt schrill. Bei Barbie wird das quasi auf die Spitze getrieben.
Also, es ist ein spannender Kontrast. Also ich finde auf jeden Fall beide Filme sehenswert, weil die beide irgendwie Spaß machen und halt auch für's Kino stehen. Schon das ist fast wie eine Anomalie. Weil, du hast heute so viele Filme, die im Kino floppen oder underperformen und hier sind mal zwei Filme, die sich dermaßen gegenseitig befruchten und dann noch mal das Kino insgesamt nach oben heben.

JP> Bei den beiden Frauenfiguren in Oppenheimer, Emily Blunt als Ehefrau Kitty Oppenheimer und dann die Geliebte Jean Tatlock, gespielt von Florence Pugh, sind zwei interessante Frauenfiguren gegeneinander gesetzt. Emily Blunt muss ich eine enorme schauspielerische Leistung konstatieren, wie sie als Kitty sozusagen die Macken und charakterlichen Schwächen von Oppenheimer abfedert, abpuffert und gleichzeitig Akzente setzt, wenn sie ziemlich geradeaus sagt, was sie von jemandem hält, zum Beispiel vom Herrn Edward Teller. Ja, diese beiden Haupt-Frauenfiguren haben mir sehr gefallen in dem doch sehr männerlastigen Film. Wichtig finde ich bei Oppenheimer, dass wir da aus der Corona-Krise gerade rausgekommen sind, als der 2023 rauskam. Die Frage nach Vernichtungstechnologien war natürlich unter der Corona-Krise auch noch mal komplett neu zu stellen.
In der Hauptpressekonferenz, die im Bonusmaterial der Disc-Edition von Oppenheimer veröffentlicht ist, weisen die Experten, die da im Panel der Fernsehdiskussion auftreten, darauf hin, dass die nächste Gefahr ihrer Ansicht nach die Künstliche Intelligenz sei. Und dass man sich doch Oppenheimer wirklich zur Lehre und wirklich ernst nehmen sollte, um vorher eine Technikfolgenabschätzung durchzuführen und nicht erst hinterher, wenn alles kaputt oder zerstört ist oder in die Vernichtung getrieben wurde.
Zum Kontext gehört auch, dass 2022 der Ukrainekrieg los ging und sich zu einem neuen Kalten Krieg gegen Russland eskalierte, den wir hier in Mitteleuropa irgendwie meinen führen zu müssen, damit einher gehend eine konkrete Kriegsgefahr für Europa insgesamt, bei der immer auch die Atombombengefahr als letztes Mittel einer eskalierenden Kriegsführung eben mitbedacht werden muss.
Und jetzt, ganz aktuell, im Sommer 2025 dann die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und dem Iran, wo es um die Frage der Gefährdung durch Atombombenforschung oder der technologischen Voraussetzungen für die Atombombenproduktion von Ländern geht, die über die Atombombe noch nicht verfügen; das Thema bleibt extrem aktuell.
Das sind jetzt sozusagen die Nachrichten vom Tage, was wir hier besprechen, im geschichtlichen Rückblick auf 80 Jahre Atombombe, mit Perspektive Corona, Künstlicher Intelligenz, Atombombengefahr, Russophobie und neuer Kalter Krieg, Kommunistenhatz oder Verfolgung abweichender Meinung und Auffassungen zu Kardinalthemen der Gesellschaft: Das ist ein Themenkomplex, der den filmischen Stoff, der wir hier heute besprechen, nun sehr deutlich in die Gegenwart holt.

Und da macht es natürlich doppelt Sinn, sich der Vergangenheit zu widmen. Also auch deswegen ein Perspektivenwechsel, weg vom Zeitstrahl in die Zukunft, was bringt die Zukunft möglicherweise zu uns, sondern umgekehrt, in welchem Schlamassel stecken wir jetzt heute ganz konkret in den Veränderungen, denen unser Leben gegenwärtig ausgesetzt ist, wenn wir historisch zurückblicken, wo das Ganze also herkommt einerseits und zum anderen, wie Leute zu anderen Zeiten mit ähnlichen Problemen bereits umgegangen sind im historischen Rückblick. Und das Ganze in der historischen Rekonstruktion im Medium des audiovisuellen Kinofilms oder der Fernsehserie eben erneut uns darzustellen, es uns damit anschaulich und plausibel zu machen. Das wäre so die Conclusio, die ich für mich ziehe.
Das klingt schon fast wie Schlusswort. Vielleicht noch etwas zur Kameraarbeit. Die Kamera bei Oppenheimer, diese Mischung aus verschiedenen Formaten des analogen Films, insbesondere IMAX mit 15 Perforationslöchern pro Bild beim 70 Millimeter bzw. 65 Millimeter breiten Film-Format. Und dann 70 Millimeter mit dem Breitbild über 5 Perforationslöchern, das klassische 70-Millimeter-Format des Kinos, wie wir's seit den 1950er-Jahren her kennen, wird hier eifrig gemischt aus unterschiedlichen Gründen. Auch schwarz-weiß im IMAX-Filmformat war eine neue Sache, die für Nolans Oppenheimer-Film erst entwickelt, durchprobiert und angewandt werden musste: Rohfilm-Herstellung bei Eastman Kodak, Filmlauf in der Kamera, die anschließende Laborarbeit. Aber sehr besonders fand ich die Kamera-Arbeit von Hoyte van Hoytema, dem niederländischen Director of Photography, der die große IMAX-Kamera sich als starker Mann einfach auf die Schulter packte oder sanft legen ließ und dann mit den IMAX-Kameras wie das Direct Cinema der beginnenden 1960er-Jahre umgeht, wie etwa bei "Primary" von Richard Leacock, D. A. Pennebaker, Albert Maysles und Robert Drew.
Das war wirklich neu. Und dann entsprechende Bilder, eben durch dieses ganz gar andere Technik-Handling bedingt, produziert. Die 70-Millimeter-Fans des klassischen Kinos waren ja von dieser Anwendung der 70-mm-Technik schwer enttäuscht, weil sie, wenn sie schon an 70 Millimeter denken, stets an das statische und extrem tiefenscharfe Panorama denken und an das Schwelgen in langen, ruhigen, kontemplativen Einstellungen und Plansequenzen, etc. – Und das Tolle an Nolan ist nun, dass der das einfach vom Kopf auf die Beine stellt. Denn dieser Look passt zeitgenössisch genau in die Zeit, die da behandelt wird, erzeugt mit den Mitteln der heutigen Zeit, wenn man sie nostalgisch als eigentlich Obsoletes weiter verwendet, also mit Filmmaterial statt mit digitaler Virtualität arbeitet. Man kann diese Dualität noch weiter spinnen und sie von Film und Digital auf die Dualität von Materie und Energie metaphorisch übertragen.
Und dabei die größte Technologie, die das klassische Filmstreifen-Kino hervorgebracht hat im fotochemischen Film, nun sozusagen ästhetisch auf das Direct Cinema der 1960er-Jahre anwendet. Die Filmgeschichte sollte man als Filmemacher eben kennen und das auch in den Randgebieten. Und dann muss man so einen Technik-Transfer sich auch erst mal trauen und man muss es, vor allen Dingen, dann auch können. Und der Film kann ziemlich viel.
KM> Visuell finde ich, war das wirklich ein Erlebnis. Dass Oppenheimer nun auch für einen kolossalen Kinoerfolg gestanden hat, ist heutzutage auch nicht mehr selbstverständlich. Ich hab mir letztens mal die Liste der erfolgreichsten Filme dieses Jahres angeschaut, wie viele Filme da underperformt haben, das ist echt krass. Und selbst bei Superhelden-Sachen und so, ist das auch nicht mehr selbstverständlich. Die Umsatzzahlen der Kinos sind am Sinken.
JP> Nun ja, es gibt von Netflix-Executives die Meinung, dass das Kino eigentlich eine antiquierte Veranstaltung sei und dass die Kinobetreiber erst mal ihre Hausaufgaben machen müssten, das Kino neu zu erfinden für die Gegenwart. Und das sagt Netflix als Platzhirsch des Streamingdienste. Ein anderes Thema, das will ich jetzt hier nicht auch noch aufmachen. – Jedenfalls haben Du und ich Nolans Oppenheimer-Film nicht im Kino gesehen, sondern ich habe ihn in meinem Heimkino von Blu-Ray gesichtet. Du hast ihn auf dem Laptop gesehen. Und ich hatte da die notwendige Konzentration, die ich im öffentlichen Kino derzeit nicht hätte. Es war Martin Scorsese, der kürzlich sagte, dass es jetzt irgendwie für ihn mit dem Kino als Kinobesucher war, weil die Kinobesucher mit ihrer Geräuschkulisse die Kinoerfahrung unerträglich machen, weil die Leute, mit denen er sich im Kino was anschauen muss, so unaufmerksam geworden sind, dass er Kinowerke lieber in anderen Kontexten schaut. Vielleicht muss Kino im Sinne einer speziellen sozialen Erfahrung mit 'selected spectators' eben neu erfunden werden.

Bei unserem Thema Oppenheimer sind alle vier Filmwerke aus unterschiedlichen Aspekten sehenswert. Manche eben weniger, andere dafür umso mehr. Nolan tat es, so fand ich, sehr gut nach seinen vielen Fantasy-Geschichten, hier in der Realität gelandet zu sein. Und man darf auch festhalten, dass die Vorlage der Biografie nach 25-jähriger Recherchezeit unter dem Titel "American Prometheus: The Triumph and Tragedy of J. Robert Oppenheimer" von den beiden Autoren Bird und Sherwin aus dem Jahr 2005, die Substanzvorlage dafür geliefert hat, aus denen Nolan dann dieses Drei-Stunden-Epos auch so fokussiert und souverän 'rüberbringen konnte.
Muss darf allerdings festhalten, dass selbst 'American Prometheus' ohne Robert Jungks 'Heller als 1000 Sonnen' eigentlich auch nicht möglich gewesen wäre, weil hier ein erster Ankerpunkt vorlag, mit dieser ersten Gesamtdarstellung der Atomforscher, im Zuge einer beginnenden Zukunftsforschung. – Wie wollen wir unsere Zukunft eigentlich handhaben, gestalten und angehen, wenn so etwas so möglich war? – Jungks Buchtext 'Heller als 1000 Sonnen' liest sich übrigens sehr filmisch, auch weil Robert Jungk seinen ersten Berufseinstieg im Exil mit der Produktion von Filmen hatte. Jungk geht bei seinen textlichen Erfahrungsberichten und textlichen Darstellungen mit "Szenen-Cuts" um, als sei er ein Film-Editor. Bei seinen frühen Dokumentarfilmen im Exil, zum Beispiel über die Sagrada Família, die katholische Basilika in Barcelona des Architekten Antoni Gaudí, oder über den Straßburger Münster sind die innen-architektonischen Darstellungen durch Kamerafahrten in den architektonischen Innenräumen wesentlich dynamischer ausgefallen, als man es bei Filmessays über Architektur bislang zuvor kannte.
KM> Ich wollte nur kurz noch anfügen, dass ich Cillian Murphy in der Hauptrolle sehr stark fand. Der wirkt eher fragil in seiner körperlichen Haltung. Er hat aber auch einen so intensiven Blick. Man kann in seinem Blick vieles ablesen. Seine Darstellung hat mich etwas erinnert an sein Schauspiel in "The Wind That Shakes the Barley" von Ken Loach aus 2006. Ich fand es übrigens einen spannenden Aspekt in all diesen Sachen, dass er so distanziert von seinen Kindern scheint. Also in seiner eigenen Welt lebt, sein Egomanentum pflegt und man kann schon sagen, dass er eine gewisse Arroganz zeigt.

JP> Ja, das zeigt auch eine Episode mit Robert Jungk. Es kam zum Knatsch zwischen Robert Jungk und Robert Oppenheimer. Jungk hatte für seine Buchmanuskripte sehr fundiert vor Ort recherchiert und mit den ganzen Forschern persönlich gesprochen. Aus der Begegnung mit Szilárd ist beispielsweise eine Freundschaft geworden. Oppenheimer hat dann nach seiner Begegnung mit Jungk abgestritten, dass Jungk überhaupt mit ihm je gesprochen habe, bis dann die Besuchsprotokolle vom Emfangsschalter offengelegt wurden, wo dann nicht mehr zu verschweigen war, dass er ihn besucht hat und mit ihm gesprochen haben muss, wenn die beiden bei einer Begegnung nicht gänzlich geschwiegen haben sollten.
Und Jungk fand, zumindest in einem der Radiogespräche des SFB mit Matthias Greffrath, die von 1985 bis 1987 mit insgesamt acht Folgen gesendet wurden, dass er Oppenheimer doch für einen elenden Opportunisten hielt, der seine Widerstandshaltung gegen Teller und die Wasserstoffbomben-Entwicklung immer als Alibi zur Vertuschung seiner eigenen Opportunistik bei der Entwicklung der Atombombe missbraucht habe.
Robert Jungk weist in diesen Radiogesprächen mehrfach darauf hin, dass unser größtes Problem nicht nur die Skalierung ist, dass alles immer größer, monopolistischer und monolithischer eben wird, sondern auch in falschen Abstraktionen begründet liegt. Dass also die falschen Abstraktionen uns in die Irre führen und dann Lösungen gefunden werden, die der Realität und einem menschenwürdigen Leben nicht mehr angemessen sind. Und da spricht dann wirklich der Zukunftsforscher, weil diese Probleme nicht nur im Sinne der Atomforschung oder der Anwendung von Atomforschung offensichtlich werden, sondern viel grundsätzlicher Art sind. Meiner Ansicht nach lohnt es also sehr, sich mit Robert Jungks weiteren Veröffentlichungen wieder zu beschäftigen. Es geht hier also darum, ein intellektuelles Verständnis von den Schwierigkeiten, in denen wir stecken, eben besser und fundamentaler, vom Fundament her, wirklich zu entwickeln, um auf diese Schwierigkeiten überhaupt menschenwürdig reagieren zu können. Ein sehr umfassendes und relevantes Thema für uns heute, wie ich finde.

KM> Auf jeden Fall. Ich wollte nur noch eine Sache zu Nolans Oppenheimer kurz bemerken. Ich fand das Filmende sehr stark, wo nochmal dieses Gespräch zwischen Einstein und Oppenheimer gezeigt wird, wie die miteinander reden. Und Albert Einstein dann meinte, dass, irgendwann, wenn sie dich durch die Mühle gedreht haben, dann pinnen sie dir noch einen Orden oder eine Medaille an – und genau das passiert dann später: den Enrico-Fermi-Preis vom Präsidenten verliehen. Den Enrico-Fermi-Preis hat Teller 1962 überreicht bekommen und 1963 dann Oppenheimer. Sehr stark, wie dann am Ende gezeigt wird, dass Kitty, die Frau von Oppenheimer, dem Teller nach der Preisverleihung den Handschlag verwehrt.
JP> Fast hätte sie ihn angespuckt, hat man den Eindruck.
KM> Und das, finde ich, ist das stark Visuelle an dem Werk. Davon hätte es noch mehr geben können. Es ist trotzdem ein geiler Film, der sich auf jeden Fall gelohnt hat, vor allem, wenn man dann noch Lust hat, an dem Thema weiter zu forschen.
Alle Verfilmungen, die wir heute besprochen haben, waren interessant, einfach weil das Thema relevant bleibt und Oppenheimer einfach eine schillernde Figur war, wahrscheinlich eine der bekanntesten im 20. Jahrhundert neben großen Staatsmännern oder Präsidenten.
JP > Ja. Ich danke dir sehr für unser Gespräch. Das war die 41. und vorerst letzte Episode unserer Podcastreihe akiwiwa – als Kino wichtig war.


Film Stills aus "Oppenheimer" von 2023, Regie: Christopher Nolan. Quelle: Universal Pictures.
[The End.]
Anmerkungen:
Teil 1 der Transkription von akiwiwa-Episode 41, eine Einleitung zu den vier Filmwerk-Besprechungen, hier.
Teil 2 der Transkription von akiwiwa-Episode 41, "Die Schattenmacher" (Fat Man and Little Boy, USA 1989), hier
Teil 3 der Transkription von akiwiwa-Episode 41, "Oppenheimer" (BBC-Miniserie, UK/USA 1980, 7 Episoden), hier
Teil 4 der Transkription von akiwiwa-Episode 41, "In der Sache Robert I. Oppenheimer" (Fernsehspiel, HR, BRD 1964, Regie: Gerhard Klingenberg), hier
Teil 5 der Transkription von akiwiwa-Episode 41, "Oppenheimer" (USA, UK, 2023), Regie: Christopher Nolan, hier
Diese Podcast-Episode kann man auch hören und zwar, mit einer Länge von 150 Minuten, zum Beispiel hier via Spotify:
Diese Podcast-Episode, ohne Werbung, direkt von der Podcast-Quelle:
http://akiwiwa.de/audio/akiwiwa_F41_128.mp3
Als High-Resolution-Audiodatei mit 256 kbps:
http://akiwiwa.de/audio/akiwiwa_F41_256.m4a
Livestream bei akiwiwa.radio via: https://akiwiwa.radio
Ausführliche Podcast-Dokumentation mit
Filmographie und Zugang zu allen Podcast-Audios: hier
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