Kirmes: Lebensstart zwischen Berliner Mauerbau und Kubakrise

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Kirmes: Lebensstart zwischen Berliner Mauerbau und Kubakrise
Ein kleines Schausteller-Camp am Rande einer dörflichen Kirmes mit überschaubarer Größe. – Foto-Aufnahme: Erhard Polzer

Der Beruf meines Vaters als reisender Fotograf war in den späten 1950er Jahren lukrativ geworden: Gesellige Gruppen in den Festzelten bei Volksfesten, Stadtfesten, Dorffesten, Schützenfesten, Bergkirchweihen, Jahrmärkten, Kirmes-Events, Tanzveranstaltungen, etc., fotografisch zu porträtieren, mit einem durch Unterschrift zu zeichnenden Auftrag. Abzüge davon dann per Post – möglichst für alle – zu versenden, einer aus der Gruppe übernimmt dann die Koordination und Abrechnung bei der Verteilung, Zahlung per Vorkasse oder per Nachnahme, so wie man es von Klassenfotos her vielleicht noch kennt. Voraussetzung für diese Tätigkeit war, dass noch nicht jeder einen Fotoapparat mit Blitz im Haushalt hatte oder einen solchen gar nicht hätte bedienen können. Es war die Zeit vor der Instamatic von Kodak; Fotos waren noch rar. Die andere Voraussetzung für diese berufliche Tätigkeit lag darin, dass ein gewisser Wohlstand für solch' einen Luxus im Wirtschaftswunderland Westdeutschlands inzwischen vorhanden war. Dritte Voraussetzung für die Tätigkeit könnte gewesen sein, dass es auf Voksfesten damals i.d.R. noch anders, geselliger, gruppenbezogener und kommunikativer zuging als eben heute. Man entspannte sich dort im Kreis von Familie, Bekannten, Freunden und Kollegen vom Leistungsdruck, aus dem Gröbsten in wirtschaftlicher Hinsicht herausgekommen zu sein, verbunden mit dem Bedürfnis, diesen gemeinsamen Moment im Bild festzuhalten. Das Ende des Zweiten Weltkriegs und das der NS-Diktatur lagen 1960 erst fünfzehn Jahre zurück. Dieses Sozialgefühl war das Gegenteil von leistungsloser, narzistischer, enthemmter Selbstgefühl-Performation, wie wir sie heute auf Volksfesten oft beobachten können. Andererseits wirkt es auch wie ein Wunder, dass sich die krachlederne Blasmusik-Seeligkeit in die nächsten Generationen – geprägt durch Rock, Pop, Disco, Punk, Techno und Electrobeat – hat übertragen lassen, wenn eben auch mit anderem Klangteppich. Insofern macht ein kurzer sozialhistorischer Rückblick als Fingerzeig hier Sinn. Eine historiographische Auseinandersetzung mit dem Kulturgut Volksfest liefert die gleichnamige Website, als "Wissenschaftliche Enzyklopädie" und "Digitales Archiv" für das deutsche Volksfestwesen.

Wenige Tage nach der Hochzeit meiner Eltern am 7. April 1961, für Erhard war dies seine zweite Ehe, gingen mein Vater und meine Mutter auf Tour in die Sommersaison 1961, mit der vor einiger Zeit gebraucht gekauften Mercedes-Benz-Limousine unterwegs, in der Regel durch Süddeutschland bis zur Mainlinie und besuchten gerne die geselligen Badenser, Pfälzer, Franken und Bayern. Kleinere Fest-Veranstaltungen und ländlichere Strukturen waren für die berufliche Tätigkeit meines Vaters dabei oft dankbarer als die immer größer, schriller, lauter und rasch sehr kommerziell werdenden Großstadt-Events, wie der Canstatter Wasen, das Oktoberfest auf der Münchener Wies'n oder die beiden Nürnberger Volksfeste im Frühjahr und Herbst. Orientierung für die gesamte Kirmes-Branche, inklusive aktualisiertem Veranstaltungskalender, bot die Fachzeitschrift "Der Komet", hier die Ausgabe vom 20. August 1961. Vom "Komet"-Fachverlag erschienen in den 60er und 70er Jahren auch Almanache als gebundene Jahrbücher, die mit Ansprechpartnern der Festorganisatoren und Terminvorschauen eine Jahresdisposition für die Branche vor Saisonstart ermöglichten.

Meine Eltern arbeiteten vor Ort als Zweier-Team. Vater Erhard war der arrangierende Fotograf; meine Mutter sorgte für das Auftragswesen: Niederschrift der Versandanschrift, Anzahl der Aufnahmen und Abzüge, Kostenermittlung, Zahlungsweise, Unterschrift. Dann war nur noch die Konkordanz zwischen den einzelnen "Takes" auf den jeweiligen Kleinbild-135er-Filmpatronen mit 36 Aufnahmen zu den Aufträgen sicherzustellen. Laborarbeit wurde später in Stuttgart erledigt. Erhards Mutter Anna hielt zu Hause in Stuttgart einstweilen die Stellung mit Telefondienst, Ladenpräsenz, Buchhaltung, Versand, Klärung von Reklamationen und Rücksendungen. Sie war erfahren darin, weil sie vor der Vertreibung nach 1945 das Olmützer Fotogeschäft ihres Fotografen-Ehemannes Karl als Geschäftsfrau damals bereits führte.

Unterkünfte in Hotels, Gaststätten mit Fremdenzimmer, Pensionen, Hotel Garni, etc., waren bei diesen Arbeitseinsätzen auf Tour nicht nur umständlich, sondern zu zweit auf Dauer auch teuer und für die Arbeit am Abend irgendwie auch unpraktisch, zumal über Nacht die Blei-Akkumulatoren der Blitzgeräte zu laden waren und man sich in manchen Gästezimmern dann zwischen der Nachttischlampe und dem Ladegerät zu entscheiden hatte, weil es nur eine Steckdose auf dem Zimmer gab. Die spätabendliche Frage nach einer Verteilerdose beim Beherbergungs-Empfang ergab dann entsprechend zumeist seltsam fragende Blicke.

Empfindlich gestört hatte meinen Vater, seinen Erzählungen zufolge, aber vor allem das in der Regel unbequeme und ständig wechselnde, unbekannte Bett in der fremden Unterkunft, das einen erholsamen Schlaf oft nicht ermöglichte. Er wollte gerne in seinem eigenen Bett schlafen, gerade bei Touren durch die deutsche Provinz. Aber auch heute, nach mehr als sechs Dekaden, kann man in Sachen Bettqualität selbst in guten Hotellerie-Häusern der Großstädte noch so seine Überraschungen erleben.

Am 8.8.1961 stellt mein Vater Erhard bei der Stuttgarter Wohnwagen-Verkaufsniederlassung Fritz Rössle in der Burgstallstraße 110 in Stuttgart-Süd den Kaufantrag zum Kauf eines Wohnwagen-Anhängers vom Fabrikat "Sunny Boy", Typ 61, der Camping-Wagen GmbH, ansässig in Kamp-Lintfort. Der Wohnwagen stand als Ausstellungswagen fertig eingerichtet und ausgebaut vor Ort in Stuttgart; er misst laut Anhängerbrief des Herstellers, datiert vom 26. Juni 1961, 4,25 Meter Länge, 1,95 Meter Breite und 2,35 Meter Höhe. Die "Wohnfläche" des Wohnwagens ließ sich mit einem andockbaren Vorzelt plus zusätzlichem Vordach erweitern. Als Kaufpreis wurden 5.000 DM (im Wert von 1961) vereinbart. Zahlungsbedingungen: Anzahlung 1.600 DM in bar und der Rest in 24 Monatsraten ("ohne Wechsel"). Nach Bonitätsprüfung und Leistung der Bar-Anzahlung geht der Kaufvertrag für die gewerbliche Nutzung als Fotoreporter klar.

Am 11. August 1961 erteilt die Stadt Stuttgart die Erstzulassung des KFZ-Anhängers mit dem amtlichen Kennzeichen "S MN 47". Einen Tag später sind meine Eltern bereits mit dem Wohnwagen auf großer Fahrt in Richtung Bayern.

Auf großer Fahrt mit neuem Wohnungwagen, Stellplatz für ein Nachtquartier. – Foto: Erhard Polzer – Quelle: Familienarchiv Joachim Polzer

In der Nacht zum 13. August 1961, vor 65 Jahren also, begannen die militärischen Absperrmaßnahmen an der innerdeutschen Grenze und zu West-Berlin. Der Berliner Mauerbau beginnt, es beginnt freilich auch die hermetische Abriegelung der Grenze zwischen der DDR und der BRD als innerdeutsche Grenze an der Demarkationslinie: "HALT – Hier Zonengrenze" wird nun für 28 Jahre Alltagsrealität, auch in Bayern als "Grenzland", wo meine Eltern mit dem neuen Wohnwagen auf ihrer ersten Wohnwagenfahrt gerade angekommen waren.

Die Nachricht des Berliner Mauerbaus geht am 13. August 1961 um die Welt; die Deutschen in West und Ost sind geschockt, mit Ausnahme jener ostdeutscher Intellektueller, die sich durch die "Grenzsicherungsmaßnahme" eine Stabilisierung der DDR als Gesellschaft, Ökonomie und Staat versprochen hatten. Abwanderung im großen Stil, die Abstimmung mit den Füßen, ist für ein Staatskonstrukt stets ein auf Dauer und in seiner Dynamik existenzbedrohliches Phänomen. Das sollte einem auch gerade heute zu Denken geben.

Ein Besorgnis war sicherlich, als Westdeutscher in seiner Reisefreiheit nunfort behindert zu sein; die andere ganz große Besorgnis galt der Frage, ob es durch den Mauerbau und diese affrontartige Konfrontation möglicherweise zu Kriegshandlungen zwischen den West-Aliierten und der SU mit DDR auf deutschen Boden kommen würde. Man konnte in der akuten Situation damals nämlich nicht so genau einschätzen, wie der Ami mit seinen Sicherheits- und Freiheitsgarantieren darauf reagieren würde. Erst mit der "Ich bin ein Berliner"-Rede von John F. Kennedy vom 26. Juni 1963 vor dem Rathaus Schöneberg in West-Berlin wurde klar, dass für den am 10. Januar 1961 ins Amt gekommenen JFK und die amerikanische Schutzmacht der freie Zugang der West-Aliierten zu West-Berlin, ihre Anwesenheit dort, die Wahrung der Sicherheit und Rechte West-Berliner Bürger, unabdingbar waren —, jedoch die Grenzschließung der DDR mit Ostberlin zum Westen hin ohne Kriegshandlungen seitens der West-Aliierten unter der Führung der USA hingenommen werden würde. Dies schloss ein, dass es am Checkpoint Charlie vom 25. - 28. Oktober 1961 sehr brisante und konfrontative Begegnungen zwischen Panzern aus Ost und West gegeben hat, weil im Viermächtestatus für Berlin der freie und ungehinderte Zugang aller Aliierten Streitkräfte zum gesamten Berliner Stadtgebiet garantiert und schließlich auch durchgesetzt wurde. Letztlich waren dies noch Nachwirkungen der Berlin-Krise von 1958.

Auch meine Eltern erfuhren am 13. August 1961 aus dem Autoradio von den aktuellen, weitreichenden und weltbewegenden Ereignissen, die sofort das Land veränderten. Die Wandlung aller Verhältnisse, zentrales Kernthema der 1960er Jahre, lag bereits hier ex negativo in der Luft.

Während große Teile der Welt also gerade dabei waren, sich voneinander abzugrenzen, sich wechselseitig undurchdringlich zu machen, Containment walten zu lassen, bin ich knapp 14 Tage nach dem Beginn des Berliner Mauerbaus in unserem neuen Wohnwagen noch in Bayern gezeugt worden. Das nenne ich mal: Vertrauen haben in die Zukunft. Diese Zeitqualität-Rahmung mit den Berliner Ereignissen zu meinem Zeugungszeitpunkt scheint auch später für mich wichtig und relevant gewesen zu sein: Seit 1981 lebte ich in West-Berlin und habe die Lebensrealität der geteilten Stadt noch eine knappe Dekade inklusive dem Zeitmaschinen-Effekt bei Tagesbesuchen nach Ostberlin vor Ort selbst erleben können.

Das Festzelt als sozialer Treffpunkt der Volksfeste, Stadtfeste, Jahrmärkte, Kirmes-Events, Schützenfeste, Rummelplätze, etc. – Hier in einer Farbaufnahme unter available light, Anfang der 1960er Jahre, bei gut besuchter Tanzbühne. Foto: Erhard Polzer.

Auch wenn mein Vater als "Fotoreporter", als reisender Fotograf bei Volksfesten, Stadtfesten, Jahrmärkten, etc., nie selbst Teil der Schaustellerbetriebe und ihrer Betreibergruppen-Clans war, so bewegte er sich doch als temporär besuchender Dienstleister in deren Soziotop. Das hatte auch ganz praktische Gründe. Statt Hotel- oder Pensions-Unterkunft suchen, aufsuchen und bezahlen zu müssen, war der arbeitsnahe Stellplatz meistens auf den Schausteller-Wohnwagen-Camps in unmittelbarer Nähe der jeweiligen Kirmes gelegen, in der Regel mit Wasser-Zugang und Strom-Anschluss bei minimalen Stellplatzkosten. Kochen und Mahlzeiten einnehmen konnte man im eigenen Wohnwagen, man war also auch nicht mehr als jemand, der in den Abendstunden und oft bis spät Abends arbeitet, auf von Außen vorgegebene, rigide Frühstückszeiten oder Restaurant-Öffnungszeiten angewiesen.

Blick aus dem Küchenfenster des Wohnwagens. Davor: nicht der Eismann, sondern der Eisbärmann. Foto-Quelle: Familienarchiv Joachim Polzer

Um das Zeitkolorit dieses Soziotops und seine kontextuelle Mentalitätsgeschichte in der ersten Hälfte der 1960er Jahre, aus der Zeit der "Vollbeschäftigung" in Westdeutschland also, einmal plastisch vor Augen geführt zu bekommen, habe ich aus den ARD-Mediatheken einige damals aktuelle Berichte aus den Retro-Sektionen mit Video-Links zusammengestellt:

Westdeutscher Rundfunk Fernsehen,
Sendedatum: 04. Oktober 1961

"Arbeitsplatz Kirmes - Das Leben einer Schaustellerfamilie

Rummelplätze - für die Besucher sind sie ein Ort für ein paar Stunden unbeschwerten Vergnügens. Ganz anders sieht es für die Schausteller aus, die davon leben, dass die Menschen auf der Kirmes Karussell fahren, Lose kaufen, für Zuckerwatte und gebrannte Mandeln anstehen. Familie Rosenzweig ist schon seit mehren Generationen in der Branche."

Video-Link aus der WDR Retro Mediathek:
https://wdrmedien-a.akamaihd.net/medp/ondemand/weltweit/fsk0/250/2500270/2500270_38156991.mp4

Fernsehbeitrag SDR/SWF,
Sendedatum: 25. September 1965

"Das Geschäft mit dem Rummelplatz

Ein Porträt über das Schaustellergewerbe in den 60er Jahren. Blick hinter die Kulissen der Volksfeste – wirtschaftliche Situation und die Probleme des Alltags der Schausteller und Kirmesmitarbeiter."

Video-Link aus der SWR Retro Mediathek:
https://pdodswr-a.akamaihd.net/avke/der-markt/1528494.xxl.mp4

Fernsehbeitrag Süddeutscher Rundfunk Stuttgart,
Sendedatum: 25. September 1964
Abendschau

"Sicherheit auf dem Volksfest

Auf dem 119. Volksfest auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart werden mehr als eine Million Besucher erwartet. Für deren Vergnügen ist vielfältig gesorgt, aber wie steht es um die Sicherheit, vor allem bei den Karussels?"

Video-Link aus der SWR Retro Mediathek:
https://pdodswr-a.akamaihd.net/avke/abendschau/1168086.xxl.mp4

Fernsehbeitrag Süddeutscher Rundfunk Stuttgart,
Sendedatum: 03. Oktober 1964
Abendschau

"Volksfestbummel mit Oskar Müller

Oskar Müller schlendert und plaudert über das Volksfest in Stuttgart"

Video-Link aus der SWR Retro Mediathek:
https://pdodswr-a.akamaihd.net/avke/abendschau/1168080.xxl.mp4

Gezeugt und im Werden als Embryo mit Einflüssen auf das werdende Menschenkind, noch unsicher, ob es sich als Entität nach der Geburt behaupten wird können und zunächst, ob es das embryonale Werden überhaupt übersteht. Die Einflüsse, die hier als Ereignisstrom wirken, sind umfassend: karmisch, astral, kosmisch, emotional im Nah- und Fernbereich, Gerüche, Klänge, Stimmen, Wach- und Ruhezeiten, Rhythmik, übertragene Stimmungen, auditive Medien-Resonanzen, Nahrung und Gewürze, eher süss, sauer oder scharf, gute Luft oder schlechte Luft, Wasserqualität, vermittelte Resonanzen aus der Umgebung, Gefährdungen, Befürchtungen, Zweifel, Ängste, Gifte. Ereignisse im Hintergrund, die eine spezifische Zeitströmung markieren, die als Trajekt wirken, auf die aus dem Umfeld herrührend symbiotisch reagiert wird und in die man schließlich als Entität hineingeboren werden wird.

Das Jahr 1961 schreibt sich unterdessen noch fort: Ende August geht auf September 1961 zu.

Erste Zeichen der Veränderung bringt der Ausgang der Bundestagswahl vom 17. September 1961, bei der die CDU ihre absolute Mehrheit verliert und Adenauer einen Dämpfer für seinen rheinländischen Umgang mit der Berliner Mauerbau-Krise bekommt. Einen Tag später kommt der UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld bei einem bis heute mysteriösen Flugunfall um's Leben. Am 17. Oktober 1961 ereignet sich anläßlich des Algerienkriegs aufgrund einer Massendemonstation von 30.000 Algerien das so genannte Massaker von Paris, markanter Vorbote dafür, dass die 1960er Jahre gesellschaftliche Unruhe bringen werden. Am 30. Oktober 1961 werden durch die Regierung Adenauer III die Weichen für den Abschluss des Anwerbeabkommen für Gastarbeiter aus der Türkei gelegt, relevant als Modell, Vorstellung und Auswirkung bis heute. Ebenfalls am 30. Oktober 1961 wird die Wasserstoffbombe Zar AN602 im Norden der Sowjetunion oberirdisch gezündet, was die größte jemals bis dahin von Menschen verursachte Explosion verursachte. Am 2. Dezember 1961 verkündet der Revolutionsführer Fidel Castro die Einführung des Kommunismus auf Kuba, was im nächsten Jahr wiederum zu weitreichenden, weltweiten Folgen führen wird. Am 10. Dezember 1961, dem Tag der Verleihung der Nobelpreise in Stockholm, wird die 1957 auf den Markt gebrachte Wellnessdroge Contergan vom Markt genommen, nachdem sich Tausende bekannt gewordene Fälle von Missbildung während der Schwangerschaft ereignet hatten. Meine Großmutter Mitzi hatte meiner Mutter verboten, irgendwelche Medikamente während der unbequemen Schwangerschaft einzunehmen. Meine Mutter folgte diesem dringenden Befehl; meine Großmutter war hier mein Schutzengel. Auch das Pharmaindustrie-Rumgehampel um "lediglich zeitliche Koinzidenz" und "unbewiesener Wirkungszusammenhang" klingt nach rund 65 Jahren noch und gerade sehr frisch in unseren Ohren.

Die Zeiten konnten bedrohlich und gefährlich sein, manchmal auch lebensgefährlich.

Die Reaktionen auf diese Weltläufe im Widerhall gesellschaftlicher Entwicklungen zeigten sich vor allem im Europäischen Kinofilm in seiner mächtigsten Wirkungskraft-Phase: Michelangelo Antonioni stellte den dritten Teil seiner Entfremdungs-Trilogie mit L'Eclisse (Sonnenfinsternis) bei der Erstaufführung bei den 15. Internationalen Filmfestspielen von Cannes vor, die vom 7. Mai bis zum 23. Mai 1962 stattfanden, was zeitlich bereits sehr nah an meinem Geburtsdatum lag. – "Liebe 62", wie der westdeutsche Kinovertrieb den Film betitelte, erinnerte mich fortan stets an mein Geburtsjahr. La Notte als zweiter Teil der Trilogie ging mit der Erstaufführung 1961 voraus, zuvor L’avventura als Trilogie-Beginn im Jahr 1960. Für mich stellt diese Trilogie eines der Zentralwerke der Filmgeschichte dar, schon aufgrund der zeitlichen Mittelpunktlage, der zeitlichen Symmetrie zum Davor wie dem Danach, nach wie vor. Das andere ist für mich Hiroshima mon amour von 1959 in der Regie von Alain Resnais. Es ist das andere Meisterwerk zum Thema einer irre gelaufenen Technikentwicklung und ihren Nachwirkungen bei der menschenlichen Entfremdung (zu sich und von anderen), im Überleben.

La dolce vita von Federico Fellini war bereits 1960 in die Kinos gekommen; Otto e mezzo wird erst 1963 vollendet sein und vorgestellt werden können; auch Fellini war in der Veränderungskrise von 1962 und reagierte darauf. Pier Paolo Pasolini stellte 1962, wenn auch nicht in Cannes, Mamma Roma als seinen zweiten Spielfilm vor. Der Pasolini-Lehrling Bernardo Bertolucci bringt 1962 sein Erstlingswerk La Commare Secca heraus.

Ebenfalls 1962 in Cannes gezeigt wurden beispielsweise A Taste of Honey von Tony Richardson und Advise and Consent von Otto Preminger. Wenn man "von" schreibt und den Regisseur damit meint, dann zeigt sich im damaligen Verständnis von Filmkunst und seinem Diskurs das Primat des Filmregisseurs als vorrangig gewerteter Film-Autor eines Werks. Aus Westdeutschland war der am 22. Mai 1962 in Cannes erstaufgeführte Kinofilm Das Brot der frühen Jahre von Herbert Vesely nach Böll mit dabei, der als erste Verkörperung des Neuen Deutschen Films gilt, obwohl der Film damals zeitgenössisch vor Kritik und Publikum durchfiel. All Fall Down von John Frankenheimer, ebenfalls in Cannes mit dabei, darf als vergessener Film von Frankenheimer heute wiederentdeckt werden. Hauptrollen bei All Fall Down: Eva Marie Saint, Warren Beatty, Karl Malden, Angela Lansbury; Musik: Alex North.

Was ein Kinofilm-Jahrgang damals bedeutete, zeigt sich an weiteren Beispielen der Festivalbeteiligungen in Cannes anno 1962: Cléo de 5 à 7 von Agnès Varda, El ángel exterminador von Luis Buñuel, The Innocents von Jack Clayton, Le procès de Jeanne d’Arc von Robert Bresson, Long Day’s Journey into Night von Sidney Lumet, aus Spanien Plácido von Luis García Berlanga, Divorzio all’italiana von Pietro Germi mit Marcello Mastroianni, Elektra von Michael Cacoyannis mit der Musik von Mikis Theodorakis. Satyajit Ray war mit dem 1960 in Indien uraufgeführten Devi mit dabei.

Bereits am 28. Februar 1962 wurde anlässlich der 8. Westdeutschen Kurzfilmtage das Oberhausener Manifest durch 26 (!) i.d.R. westdeutsche, in der Mehrzahl süddeutsche, oft in München wirkende, Filmemacher – verkündet bei einer Pressekonferenz mit dem programmatischen Titel: "Papas Kino ist tot".

Datum und Ereignis des Oberhauener Manifests gilt filmhistorisch als die Geburtsstunde des Neuen Deutschen Films und markiert damit auch den Start einer gesellschaftspolitischen wie filmpolitischen Trendwende der westdeutschen Filmkultur nach dem Zweiten Weltkrieg. Der "Jungfilmer" entstand als Topos. Edgar Reitz erläuterte in persönlichen Gesprächen während meiner Zeit beim Karlsruher Kinoinstitut EIKK, Mitte der 1990er Jahre, die Bedeutung des italienischen Neorealismus-Kinos – bis hin zu Rocco e i suoi fratelli aus 1960 von Visconti für das europäische Nachkriegskino und für die jungen Münchener Filmkunstzirkel, später die revolutionären, französischen Impulse durch Godard und Truffaut als Anstoß für die Oberhausener Gruppe, dieses künstlerische und kulturpolitische Vakuum als europäische Filmkunst-Nachzügler-Bewegung für Westdeutschland zu füllen. Rob Houwer und Alexander Kluge sind erst vor kurzem in hohem Alter gestorben. Godard brachte 1962 Vivre sa vie heraus, Truffaut Jules et Jim.

Zum Jahresende ereignet sich in London am 9. Dezember 1962 die Premiere von Lawrence of Arabia in der Regie von David Lean. John Schlesinger erhielt den Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele im Sommer 1962 für A Kind of Loving. Stanley Kubrick stellte Lolita vor.

Auch in der Popularmusik zeigten sich im Jahr 1962 Veränderungen als Start zu Neuem: Gleich zu Jahresbeginn 1962 machen die Beatles ihre ersten Probeaufnahmen bei der Plattenfirma Decca und werden dort mit der Begründung abgelehnt, dass Gitarrengruppen nicht mehr modern seien. Am 11. September 1962 nehmen The Beatles dann ihre erste Single Love Me Do auf; die Platte kam am 4. Oktober 1962 in die Schallplattenläden – die Verkaufszahlen in UK und in den USA gehen sofort durch die Decke. Am 12. Juli 1962 haben die Rolling Stones ihren ersten Auftritt im Marquee Club in London. Dieses Datum gilt als Gründungsdatum dieser britischen Band; deren erste Singles kamen 1963 auf den Markt; die ersten Smash-Hits und das erste LP-Album der Rolling Stones kommen dann 1964 heraus. Die Beach Boys spielen erste Songs im Tonstudio ein und verpflichten sich 1962 bei Capitol Records. Die Bedeutung des Schallplattenmediums, als unabhängiges Medium von der Playlist meist behäbig konservativer Radiostationen, steigt, insbesondere für neue Musikstile und Musikmoden.

In Berlin wird 1962 die Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer als Freie Theatergruppe gegründet. Mitgründer Dieter Sturm ist vor wenigen Tagen in hohem Alter gestorben. In New York City findet am 13. Oktober 1962 die Uraufführung des Theaterstücks Wer hat Angst vor Virginia Woolf? von Edward Albee statt. Es erscheint der Buchtitel A Clockwork Orange von Anthony Burgess. Im gleichen Jahr macht die die Fluxus-Bewegung erstmals von sich reden, als sie von führenden Künstlern in Deutschland ins Leben gerufen wurde. Für den Kunstdiskurs wird 1962 das internationale Kunstmagazin Artforum etabliert. Die Antibabypille kommt 1962 breit in den westdeutschen Pharmamarkt, nachdem sie dort ab dem 1. Juni 1961 nach Zulassung erstmals verfügbar war.

Am 26. Mai 1962 erblickte ich dann das Licht der Welt. Man kann hier erahnen, dass man so ganz jung noch Aura-sichtig sein kann, was sich dann allerdings wieder verliert. Ein hochsensibles Kind war ich immer, genau das Richtige für die Kirmes-Events mit laut dröhnenden Geisterbahnen. – Foto-Aufnhame: Erhard Polzer

In diesen Zeitstrom bin ich am 26. Mai 1962 hinein geboren worden.

Wie explosiv die Stimmung in der Gesellschaft der 1960er Jahre auch in Westdeutschland bereits geworden war, zeigten noch nicht einmal einen Monat nach meiner Geburt die Schwabinger Krawalle in München, die am Abend des 21. Juni 1962 begannen. Aus dem jugendlichen Lebensdrang heraus, auch nach 22.30 Uhr im örtlichen Umfeld der LMU noch Straßenmusik erklingen lassen zu wollen, entstand schließlich ein Straßenschlachten-Massenprotest mit bis zu 5.000 beteiligten, jungen Prostestierenden gegen eine Schlagstock einsetzende Polizeigewalt, der über vier Tage hinweg andauerte. Die Schwabinger Krawalle standen in der zeitlichen Zwischenfolge zwischen den Halbstarkenkrawallen der 1950er Jahre und den Studentenunruhen der '68er-Bewegung. Sie markierten das bevorstehende Ende der Adenauer-Zeit und den Beginn von Liberalisierungstendenzen in Westdeutschland. Die Gesellschaft begann, auf sich selbst zu schauen. – Edgar Reitz hat in der Zweiten Heimat, in Folge 3 der TV-Fassung von 1992 mit dem Titel "Das Spiel mit der Freiheit", die Relevanz und Auswirkungen der Schwabinger Krawalle für die junge Bohème-Szene Münchens geschildert. Als hätte sich der autoritäre Charakter des Landes plötzlich aus der Deckung begeben und auf offener Straßen-Bühne gezeigt. Jetzt war klar, worum es in der Dekade gehen würde. Um die Bedeutung der 1960er Jahre für Westdeutschland zu verstehen, zählt die Zweite Heimat als Schlüsselwerk für mich, gerade auch, wie sehr das Ringen um die Filmkunst damals eines der zentralen kulturellen Anliegen war. Damals war Kino wichtig, sehr wichtig sogar. Das Oberhausener Manifest vom 28. Februar 1962 lag erst ein paar Monate zurück.

In meinem Geburtsdatum steckt eine Zahlenspiegelung der Ziffern Zwei und Sechs: die 26 und die 62. Die 26 deutet auch auf das Jahr 1926; das war das Geburtsjahr meines Vaters. Beide Jahre – 1926 und 1962 – waren Tiger-Jahre nach der chinesischen Astrologie. 1926 war das Tiger-Jahr im Element Feuer. Das richtige Sternzeichen für unabhängige und willensstarke Menschen mit einer schließlich wilden Biographie.

Betrachtet man 1926 und 1962 als Zeitspanne, trifft man unweigerlich auf Marilyn Monroe, geboren am 1. Juni 1926 und gestorben am 4. August 1962. Das Jahr 1926 hat bedeutende Künstler hervorgebracht, die das Jahrhundert prägten: Miles Davis wurde am 26. Mai 1926 geboren, John Coltrane am 23. September 1926. Nicht nur Davis und Coltrane hatten miteinander zu tun, sondern auch Ingeborg Bachmann (* 26. Juni 1926) und Hans Werner Henze (* 1. Juli 1926). Bei den Schauspielern waren es beispielsweise: Cloris Leachman (* 30. April 1926), Jerry Lewis (* 16. März 1926), Klaus Kinski (* 18. Oktober 1926), Harry Dean Stanton (* 14. Juli 1926), Maria Schell (* 15. Janaur 1926), Harald Leipnitz (* 22. April 1926); im komischen Fach Peter Alexander (* 30. Juni 1926), Ralf Wolter (* 26. November 1926), Achim Strietzel (* 9. Oktober 1926), Leslie Nielsen (* 11. Februar 1926); im Theaterfach Judith Malina (* 4. Juni 1926), Peter Zadek (* 19. Mai 1926); bei der Filmregie John Schlesinger (* 16. Februar 1926, einen Tag vor meinem Vater), Andrzej Wajda (* 6. März 1926), Eberhard Fechner (* 21. Oktober 1926) ; – Gerry Fisher (* 23. Juni 1926), Ivan Illich (* 4. September 1926), Siegfried Lenz (* 17. März 1926), George Martin (* 3. Januar 1926) und Max Greger (* 2. April 1926) und andere mehr. – Sie alle hätten in 2026 ihren 100. Geburtstag feiern können.

Mel Brooks schließlich hatte seinen 100. Geburtstag am 28. Juni 2026 noch erlebt.

An meinem Geburtstag in 1962 ist auch der britische Musiker Colin Vearncombe, genannt "Black", geboren worden, der mit dem Popmusik-Hit "Wonderful Life" 1987 international bekanant wurde. Leider ist er schon 2016 gestorben, an den Folgen eines Autounfalls in der Nähe des Flughafen Cork, wie so manche aus meinem Jahrgang bereits das Zeitliche segneten.

Mein Geburtsjahrgang 1962 hat ebenfalls einige bemerkenswerte Akteure in den Bereichen Filmkunst, Kinokultur, Schauspiel, Musikleben und Publizistik hervorgebracht:

James Eugene „Jim“ Carrey (* 17. Januar 1962)
Uwe Bohm (* 24. Januar 1962)
Martin Wuttke (* 8. Februar 1962)
Sheryl Suzanne Crow (* 11. Februar 1962)
Josef Hader (* 14. Februar 1962)
Jon Bon Jovi (* 2. März 1962)
Janette Rauch (* 16. März 1962)
Alexander Osang (* 30. April 1962)
Emilio Estévez (* 12. Mai 1962)
Charles Rettinghaus (* 24. Mai 1962)
Sebastian Andreas Koch (* 31. Mai 1962)
Hirokazu Koreeda (* 6. Juni 1962)
Harald Siepermann (* 10. Juni 1962)
Andre Keith Braugher (* 1. Juli 1962)
Tom Cruise (* 3. Juli 1962)
Thomas Arslan (* 16. Juli 1962)
John Slattery (* 13. August 1962)
Irina von Bentheim (* 18. August 1962)
David Fincher (* 28. August 1962)
Thomas Kretschmann (* 8. September 1962)
Baz Luhrmann (* 17. September 1962)
Bettina Röhl (* 21. September 1962)
Christopher Shannon Penn (* 10. Oktober 1962)
Markus Krall (* 10. Oktober 1962)
Joan Mary Cusack (* 11. Oktober 1962)
Michael Althen (* 14. Oktober 1962)
David S. Brenner (* 3. November 1962)
Demi Moore (* 11. November 1962)
Lisa Adler (* 12. November 1962)
Jodie Foster (* 19. November 1962)
Hans-Georg Maaßen (* 24. November 1962)
Jon Stewart (* 28. November 1962)
Tobias Langhoff (* 28. November 1962)
Søren Steen Jespersen (* 30. November 1962)
Detlev Buck (* 1. Dezember 1962)
Klaus-Jürgen Rattay (* 6. Dezember 1962)
Max Raabe (* 12. Dezember 1962)
Ralph Fiennes (* 22. Dezember 1962)
Michel Petrucciani (* 28. Dezember 1962)
Paavo Järvi (* 30. Dezember 1962)

Eine Auswahl. Meine Auswahl. My Generation.

Und irgendwie dachte und fühlte ich immer, dass bei David Fincher, Baz Luhrmann, Demi Moore und Jodie Foster auch Nolan und PTA zeitlich nah beieinander lägen. Liegen sie auch, nur zeitlich woanders. Nolan und PTA sind schon Kinder von 1970, gehören also bereits zur nächsten Dekade: Christopher Nolan (* 30. Juli 1970), Paul Thomas Anderson (* 26. Juni 1970) und Apichatpong Weerasethakul (* 16. Juli 1970); James Grays Geburtsjahr war 1969. – 1970 war übrigens das chinesische Jahr des Hundes im Element Metall. Der Hund passt gut zum Tiger (wie das Pferd auch), vielleicht dachte ich es deshalb. Man kann im Wirken von Jim Carrey und Uwe Boom übrigens noch die Ochsenenergie spüren, die zeitlich vor dem chinesischen Tiger-Neujahres-Eintritt von 1962 noch vorherrschte – wie bei Maria Schell und George Martin auch, für 1926.

Was die oriental-okzidentale Astrologie betrifft, so hat Werner Held in den vergangenen rund 20 Jahren eine fundamentale Methodenrevision der Astrologie erforscht und zur Diskussion gestellt, insbesondere durch die Deutung und Integration der zahlreichen nach der Jahrhundertwende neu entdeckten Planetoiden, der Deutung und Integration auch von (tausenden) Asteroiden und – jüngst – Kometen sowie durch die Mitberücksichtigung von Finsternissen und Fisternispfaden als Entwicklungsrahmungen im Großmaßstab. All' seine bisherigen Podcasts unter dem Reihen-Titel "Kosmos und Psyche" seit 2016 sind sehr sehenswert, hörenswert und sind sehr erhellend zum Selbstverständnis in zunehmend schwieriger werdenden Zeiten. Sich einlassen und sich dafür Zeit nehmen, ist allerdings Voraussetzung. Es sind zudem zwei dicke Bücher als Referenzwerk zum Thema Asteroiden im Druck und als eBook entstanden. Mir hat Werner Held sehr im Verständnis geholfen, meinen Rückenwind der Veränderungen in meinem Lebensfluss zu verstehen, indem er meinte, ich solle mir doch einmal die Sonnenfinsternis vor meiner Geburt als Gesamtrahmung meines Ereignishorizonts näher anschauen. Welche Gnade.

Die Sonnenfinsternis (Eklipse, L'eclisse) vom 5. Februar 1962, 0:12 h UTC, auf 15°/16° Wassermann (Mond vor Sonne) mit Konjunktionen von Merkur (16° Wassermann), Venus (17° Wassermann), Jupiter (19° Wassermann), also Stellium von fünf Planetenkräften auf den Sonnenfinsternisgraden und dazu auch noch auf dem absteigenden Mondknoten im Zeichen Wassermann. Plus die enge Konjunktion von Mars (2 ° Wassermann) und Saturn (3 ° Wassermann). Sieben klassische Hauptplanetenkräfte in Wassermann mit dem absteigenden Mondknoten zum Zeitpunkt einer Sonnenfinsternis. Die heute neu entdeckten Asteroiden und Planetoiden noch gar nicht mitberücksichtigt. Durch die Äquatorüberkreuzung von 4° S auf 4° N ist diese Sonnenfinsternis mit Weltbezug zu deuten. Die Sonnenfinsternispfad wanderte von 129° E nach 51° W: Der Fingerzeig deutete in Richtung Westeuropa. Die USA hatten mit den gesellschaftlichen Auswirkungen – 1962 – noch wenig zu tun. Das änderte sich erst nach 1965. Das Musical "Hair" mit dem "Age of Aquarius" ('when the Moon is in the Seventh House') hatte seine New Yorker Premiere am 29. April 1968; der Handlungsrahmen spielte dort 1965. Das chinesische Neujahr 1962 mit dem Start des Tiger-Jahres (im Element Wasser) begann zum Zeitpunkt dieser Sonnenfinsternis am 5. Februar 1962. So etwas nenne ich Konkordanz der heterogenen Erkenntnispfade. Das ist keine Koindizenz mehr für mich.

Diese Sonnenfinsternis war der kosmische Rückenwind als Rahmung für die bevorstehenden Veränderungen der 1960er Dekade mit unmittelbaren Folgen: am 28. Februar 1962 das Oberhausener Manifest, Antonionis Premiere von E'clisse in Cannes Mitte Mai 1962, am 26. Mai 1962 mein Licht der Welt, ab 21. Juni 1962 dann die Schwabinger Krawalle. Es ist die Vorhut für jene Brachialveränderungen, die ab 1965 und 1966 mit der dreifachen Uranus/Pluto-Konjunktion eintreten und dann sofort spürbar sein werden: im Umgangston, dem Umgangs- und Beziehungsverhalten der Menschen miteinander, der heraufziehenden Bedeutung von EDV/IT/Digitaltechnik für die Gesellschaft, für jeden Einzelnen. – Rüdiger Safranski hat diese schon damals wahrnehmbare, plötzliche Stimmungsveränderung im zwischen-menschlichen Umgang anno 1965/1966 als damaliger Zeitzeuge vor kurzem nochmals bestätigt. Es ist die Kraft, die dann direkt zum sehr umfassenden Kultur- und Gesellschafts-Phänomen '68 führen wird.

Diese Einstellungsänderungen der Bevölkerung anno 1965/1966, auch zum Umgang mit Technik im Alltag und mit der zunehmenden Annahme von Angeboten neuer Technik – Stichwort und Beispiel: Instamatic von Kodak –, waren letztlich auch der unmittelbare Grund, dass dem Fotografenberuf, so wie ihn mein Vater auffasste und auch betrieben hat, in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre recht schnell die wirtschaftliche und habituelle Basis genommen wurde. Die analoge Fotofilm-Technik hat sich aufgrund der technischen Qualitätsmerkmale in der Standbildfotografie noch rund 35 Jahre lang halten können, bevor digitale Bilderzeugung und -verarbeitung nach der Jahrhundertwende schließlich rasant übernahmen. Das Ganze hatte sich in den 1990er Jahren bereits graduell vorbereitet. Jetzt, rund 60 Jahre nach 1966, setzt die digitaltechnisch generierte, synthetische Bilderzeugung auch dem im Studiobetrieb hochspezialisierten und im letzten Investitions-Stand durchdigitalisierten Fotografenberuf bei der professionellen Auftragsfotografie insgesamt existenzbedrohend zu. Sogar die letzten großen, mittels mehrfacher Unternehmens-Übernahmen bereits konsolidierten, multinationalen Archivbild-Agenturen wollen nochmals miteinder fusionieren, um vermeintlich gegen die synthetische Bilderzeugung und deren Quellenhunger bestehen zu können. Diese Veränderlichkeiten im Berufsfeld habe ich in sehr jungen Jahren als Kind bei meinem Vater selbst erlebt und dies topologisch zunächst im sich bei anhaltender Wohlstandszunahme immer mehr verfestigenden und verstetigenden Schwabenland. Dieser Kontrast zwischen zwingenden Veränderungs-Anforderungen beim Beruf des Vaters und einer sich beharrlich verfestigenden, schwäbischen Tektonik des gesellschaftlichen Umfelds hatte mich damals – und auch später noch – entschieden irritiert. Inzwischen scheint es jedoch mittlerweile auch mit der Tektonik bei den Hauptwirtschaftsträgern dort so eine Sache zu sein, die nicht mehr auf Dauer tragen dürfte.

Wenn man den aktuellen Studien von Werner Held folgt, dann sind wir derzeit und für absehbare Zeit immer noch intensiv mit den – inzwischen negativ zu bewertenden – Auswirkungen dieser Brachialzündung von 1965/1966 beschäftigt: Nach dem Ausbrennen von Sex, Drugs und Rock'n'Roll, dem permanenten Kulturwandel, den Lebensstil-Revolutionen, der Abfolge der Jugendkulturen, haben wir inzwischen mit dem Technokratismus der digitalen Über-Maschine, mit ihren Funktions-Eliten und mit ihrer ausagierenden, dirigistischen Gottspieler-Selbstwahrnehmung zu kämpfen. Dies alles noch verbunden mit einer Geisteslage der Inversion aller bisherigen Verhältnisse. Als sei alles auf den Kopf gestellt. Bis jetzt: Können machen, was sie wollen; niemand wird sie aufhalten oder stoppen. Weitreichende Wirkungen also, von denen hier berichtet wird: Die 1960er-Jahre reagierten noch auf das verfestigte Davor und diese Konventionen sprengende Aktionen waren in der Regel aufregend, lustig, kreativ und spannend; wir reagieren jedoch mittlerweile auf das Überhaupt, auf das ganz Grundsätzliche, auf das Existenzielle. Das ist nicht mehr ganz so lustig.

Jetzt, rund 60 Jahre nach der Brachialzündung der Veränderungen von 1965/1966 mit der dreifachen Uranus/Pluto-Konjunktion, findet vom Sommer 2026 bis in's Jahr 2028 auslaufend das expansive, synthetische Trigon zwischen den beiden abrupt wandelnden Gestaltkräften statt. Tiefe Veränderungen sollten jetzt ganz leicht, wie von selbst gehen und kommunikativ ausgelöst werden können. Trigon in den Luftzeichen zwischen Wassermann-Pluto und Zwillinge-Uranus. Gerahmt wird dieser Zeitabschnitt wieder durch eine Sonnenfinsternis am 12. August 2026 (17 h 44, UTC), in Löwe mit Jupiter/Merkus-Konjunktion in Löwe und in Opposition zu Pluto, Uranus dabei im harmonischen Punkt, das Trigon zu Pluto. Die Halbsumme zwischen Sonne, Mond, Jupiter und Merkur dürfte seinerseits in Opposition zu den Sonnenfinsternis-Graden vom 5. Februar 1962 (64 Jahre zuvor!) stehen und damit als Dynamikhebel zur selbigen wirken, geradezu auf sie antworten. Die Spannungen zwischen Jupiter/Merkur und Pluto mit Fragen zu Wahrheit und Machtdurchsetzung/Herrschaft/Krieg werden zusätzlich gedämpft durch die Waage-Venus im anderen harmonischen Punkt, Trigon zu Pluto. Widder-Neptun ergänzt ebenfalls in einem weiteren harmonischen Punkt, Trigon zu Jupiter, Sextil zu Pluto. Der Zeichenwechsel von Sedna nach Zwillinge und die Konjunktion zu Uranus hat ebenfalls ein Wort mitzureden. Werner Held hat die Detail-Analyse zu diesem sich aktuell zur Sonnenfinsternis hin aufbauenden Götterhimmel-Trefffen – auch Barbaults Basket genannt – in der Ausgabe vom 21. Juli 2026 seiner Kosmos & Psyche Reihe besprochen. Ich bin mir sicher, seine Analyse zur Sonnenfinsternis vom 12. August 2026 wird noch folgen.

Im Machtspiel der Dunklen Kräfte um uns könnte dies eine Wende indizieren oder einleiten. Wir werden dann nach 2028 sehen können, wie es genau und woran es ausgegangen ist und ob die Götter den Menschen wieder Luft zum Atmen geben werden, sprichwörtlich, wenn man im metallisch schimmernden Himmel nach den Kräften des Kosmos Ausschau hält. Nicht von ungefähr fand jüngst die Kinofilm-Premiere von The Odyssey von Christopher Nolan statt, der filmisch zeigt, was es als Konsequenz bedeutet, sich vom göttlichen Gefüge zu weit entfernt zu haben und gegen dieses Göttergefüge sich aufzubäumen. Zeus = Jupiter mit Merkur = Götterbote in Fundamental-Spannung zur Unterweltmacht Pluto = Hades, jetzt gedämpft und mit helfenden Eingriff durch Neptun = Poseidon, Uranus = Prometheus, Venus (Aphrodite = Liebe = Fortpflanzung). Was für Kämpfe derzeit. Der erste Rückzug = Rücktritt = Dämpfung nach langen Jahren des "Können machen, was sie wollen, niemand wird sie aufhalten" war unter der aktuellen, neuen Zeitqualität der von Herrn Spahn in der deutschen Bundespolitik von vor ein paar Tagen. Das war wie im astrologischen Lehrbuch.

Das Jahr 1962 hatte im Oktober allerdings noch ein ganz besonderes "Knallbonbon" bereit: die Kubakrise. Zwei Hegemonialmächte, polar aufeinander bezogen, spielen offensiv über einen beim Systemgegner benachbarten Drittstaat Eskalationsspiralen mit Waffenbestückung inklusive Atombewaffnung durch. Zwischen dem 14. und 28. Oktober 1962 spitzt sich die Kubakrise zu; die Welt hält den Atem an. Dem jeweiligen Machtanspruch wird durch beidseitige, oberirdische Atombomben-Testsprengungen nachgeholfen: You see what I mean. – Mein damaliger Berufsschullehrer namens Herr Haupt, sozusagen ein Haupt-Mann, von der Bundeswehr her kommend, hatte mir 1979 bei einem Autolift mit hektischen Lenkbewegungen noch verdeutlicht, was die Kubakrise für ihn aus der Nahperspektive damals persönlich bedeutet hat. Das war für mich als Beifahrer auch eine Art von 4-D-Kino.

Die Kubakrise kann ohne ausbrechenden Nuklearkrieg oder Invasion Kubas durch besonnenes Handeln der politischen Akteure nach 13 Tagen schließlich entschärft und beendet werden. Die beteiligten politischen Hauptakteure hatten nämlich Handlungsspielräume und Optionen parat. John F. Kennedy, der US-amerikanische Präsident und Oberbefehlshaber der Streitmächte, musste sich diesen Handlungsspielraum gegenüber dem militärisch-industriellen Komplex allerdings zunächst auf die harte Tour erarbeiten. Hinter ihm lagen Erfahrungen mit seinen Militärs bei der Invasion in der Schweinebucht, bei der Operation Northwoods und bei den Planungen der Operation Dominic. Das ganze vor dem Hintergrund eines weiter laufenden und politisch geerbten Vietnam-Krieges. Entscheidend für die Deeskalation war damals, dass sowohl John F. Kennedy wie auch Nikita Chruschtschow sich der Tragweite ihrer Entscheidungen bewusst waren. Zudem haben beide versucht, alle Entwicklungen unter Kontrolle zu behalten, dem politischen Gegner Zeit für seine Entscheidung zu geben und nicht blind auf die Ratschläge und Suggestionen des Militärs zu vertrauen. Wie wenig John F. Kennedy damals seinem militärisch-industriellen Komplex vertraute, zeigte sich auch daran, dass Kennedy den Militärs anschließend die eigenständige Verfügung über die Atomwaffen entzog und zwar durch die Einführung eines für einen Atomschlag zwingend erforderlichen Freischaltcodes in der Hand des US-Präsidenten in Form des Atomkoffers. Die Schmach der Nachgiebigkeit bei der Kubakrise als Niederlage empfindend, den Entzug ihrer Top-Spielzeuge in Eigenverantwortung als Demütigung hinnehmen zu müssen – und schließlich die Ankündigungen Kennedys in Richtung umfassender Rüstungsbegrenzung haben den US-Militärs und ihrem Deep State allerdings ganz und gar nicht gefallen, schon gar nicht während des weiter aus-ufernden Vietnamkriegs: Am 22. November 1963, ein Jahr später also, wurde John F. Kennedy ermordet. Mathias Bröckers hat die Hintergründe dazu zusammengefügt: JFK - Staatsstreich in Amerika. Inzwischen belegt jedes neu herausgegebene Classified-Dokument der Kennedy-Akten diese Thesen, wenn auch die letzten, entscheidenden Dokumente noch nicht auf dem Tisch liegen dürften. Verständlich, denn die wären wohl letztlich staats-zersetzend und staats-beendend. Dann schon lieber die reptilianischen Epstein-Aliens-Akten.

Der Vergleich der Kubakrise mit den heutigen Kämpfen um die Ukraine bietet sich an, insbesondere der Vergleich beim handelnden Personal: JFK vs. Trump, Chruschtschow vs. Putin, Mao vs. Xi, Adenauer vs. Merz, Brandt vs. Wegner. Anschaungsmaterial, wie weit sich die damaligen und inzwischen historischen Ereignisse mit heute vergleichen lassen und welche Lehren heute für heutige Konflikte daraus zu ziehen wären, bieten Film- und Fernsehinszenierungen, zum Beispiel die von Peter von Zahn: Die Kuba-Krise 1962. ZDF, Dokumentation und Fernsehspiel, 1969, in der Regie von Rudolf Nussgruber; – der Kinospielfilm Thirteen Days. USA 2000, in der Regie von Roger Donaldson; – The Fog of War: Eleven Lessons from the Life of Robert S. McNamara, ein US-Dokumentarfilm von Errol Morris aus dem Jahr 2003 oder bei Mad Men: Meditations in an Emergency. Staffel 2, Episode 13, USA 2008, mit Schilderungen der medialen Auswirkungen und die Reaktionen darauf im Alltag. Weitere Medientitel zum Thema im Wikipedia-Artikel.

So viel Aufregung, Spannung und Weltgeschichte gleich in meinen ersten Lebensmonaten. — Der Wohnwagen übrigens hatte noch eine Verkehrszulassung bis 1974 und stand dann stationär bis 1983 auf dem ehemaligen Campingplatz in Nagold (Nord-Schwarzwald) am Flußufer beim damaligen Sägewerk.

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20-Jahre-Regel | Globians Doc Fest 2005 | Japanische Kunstpraxis | Material : Form || Kennen : Können

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In der japanischen Filmgeschichte gab es öfters Übergänge zwischen den Kunstgattungen: Ikebana-Meister und Filmregie bei Hiroshi Teshigahara oder die Teezeremonie als sich in der Zeit entfaltende soziale Zeremonialkunst verstehbar als geschichtlich voraus-prägende Analogie zur Zeitkunst des Kinos. Kein Wunder also, dass es Japan in Rekordzeit zur mit führenden

Von Joachim Polzer