20-Jahre-Regel | Globians Doc Fest 2006 | Medien, Macht, Herrschaft | Cinefizierung durch Stalin
Beim zweiten Festivallauf des Globians Doc Fest Potsdam zeigten wir am 15. August 2006 im Alten Rathaus als deutsche Erstaufführung den kanadischen Dokumentarfilm "The Province of Lost Film" über die einst große Bedeutung des Kinos in Zentral-Russland. Was blieb damals, 2005, von der Cinefizierung Sowjet-Russlands durch Stalin übrig? Noch einmal lebt in diesem Dokumentarfilm die kraftvolle Inspiration des russischen Kinos in Erzählungen und Film-Clips wieder auf, während gleichzeitig die letzten ländlichen Film-Zentren und Kinos in ziemlich marodem Zustand geschlossen werden und verfallen. Wir zeigten damals die erste Schnittfassung des Films aus dem Jahr 2005.


Zwei weitere Promotions-Stills von The Province of Lost Film, Kanada 2005, Regie und Produktion: Thomas Lahusen, Tracy McDonald, Alexander Gershtein, Alexander Nikitin; Fotoquelle: Chemodan Films, Toronto, Kanada
Mit der 20-Jahre-Regel schauen wir uns die damaligen Festivalfilme des Globians Doc Fest wieder und erneut an, fragen, was nach 20 Jahren bei den Dokumentarfilmen an Substanz erkennbar bleibt.
Bei "The Province of Lost Film" handelte es sich um die erste Produktion des damals frisch gegründeten Filmproduktions-Studios Chemodan Films mit Sitz in Toronto, Kanada. In den letzten 20 Jahren ist inzwischen ein großes Spektrum und Portfolio von weiteren Dokumentarfilmen und Film-Essays dort entstanden. Die Website von Chemodan Films gibt darüber Auskunft.
Dort lautet die Synopsis zum Film – "shot in central Russia 14 years after the disintegration of the Soviet Union" – wie folgt:
A tribute to the power of Soviet and Russian cinema. “Cinema Paradiso Soviet style,” The Province of Lost Film is about the magic and nostalgia of watching film collectively: in a movie house; a workers’ club; or at night, on an improvised screen hung in the village square. Employees of the former distribution and exhibition network, projectionists, and viewers from central Russia reflect upon the unique and already bygone experience of the Soviet experiment of ”cinefication,” which sought to bring the screen to every corner of the Soviet Union. Thus, the film captures one of the lost opportunities of the socialist dream. From the collective-farm classic of the Stalin era Cossacks of the Kuban to the hugely popular Indian film of 1955 The Vagabond, or the 1961 Soviet technicolor extravaganza, The Amphibious Man, and archival footage of the process of cinefication itself, the film reminds us of the immortal power of cinema and its place in the mind and heart of the individual.
Thomas Lahusen war damals als Co-Autor und Co-Produzent beim Globians Doc Fest 2006 in Potsdam zu Besuch und beim Festival dabei. Hier die vier Filmemacher in zeitgenössischen Promotion-Porträts von vor 20 Jahren:




oben v.l.: Alexander Gershtein, Alexander Nikitin; unten, v.l.: Thomas Lahusen, Tracy McDonald | Fotoquelle: Chemodan Films, Toronto, Kanada
Ein aktuelles Porträt-Foto von Thomas Lahusen mit einer autobiographischen Notiz von ihm findet sich: hier.
Über Nostalgie und Cinephilie hinaus regt "The Province of Lost Film" sehr zum Nachdenken über die (Be-)Nutzung heutiger kollektiven Massen-Medien zur Durchsetzung politischer Agenden und politischer Zwecke in der Gesellschaft an. Und zwar eben nicht nur im heutigen Russland. Meiner Ansicht nach ist es dieses Trajekt, das dieser Filmdokumentation auch nach 20 Jahren besondere Relevanz zukommen lässt.
Damit: weiterhin sehenswert, auch wenn seit dem Zusammenbruch der SU inzwischen rund 35 Jahre vergangen sind und die Reliktwelt von 2004/2005 nun eine ganz eigene Nostalgie beansprucht.
Der Film ist in der Schnittfassung von 2008 bei Vimeo nach wie vor als Video-on-demand zum Mieten oder Kaufen verfügbar. Einen Film-Trailer gibt es dort auch:
https://vimeo.com/221478128